Erlebte Geschichte in Warendorf
Die Warendorfer Gasanstalt
von Eugenie Haunhorst

Eugenie als Schülerin 1921Es ist kaum zu glauben: Warendorf war nach dem 1. Weltkrieg Selbstversorger für Strom und Gas. Das Warendorfer Elektrizitätswerk erzeugte durch die Wasserkraft der Ems die damals notwendige Strommenge. Heimatverein Warendorf: Gaserzeugung in der Warendorfer Kokerei um 1902In der Gasanstalt wurde die erforderliche Gasmenge produziert.

Ich bin am Münstertor aufgewachsen. Darum gehörte die Gasanstalt zum Spielumfeld meiner Kinderjahre. Davon möchte ich gerne erzählen.

 

Wenn wir Kinder den Schulhof der Münsterwallschule zur Gasstraße (heute Wallpromenade) überquerten, war hinter dem großen Haus von Bürgermeister Ewringmann die Gasanstalt. Die großen Gasometer waren für unsere Kinderaugen gewaltig, besonders wenn der große Tank gefüllt war. Ich schätze die Höhe auf etwa 20 Meter. Der zweite Tank war meist gering gefüllt. Besonders im Winter war das Zusehen bei der Gasgewinnung spannend und gleichzeitig angenehm. Kamen wir vom Rodeln oder vom Schlittschuhlaufen auf der zugefrorenen Ems zurück, durften wir uns in der warmen Halle aufwärmen.

Schon von weitem sahen wir die noch glühenden Koksberge links vor der Halle liegen. Das wirkte in der Dämmerung sehr gespenstisch.

In der Halle standen die riesigen Kokereiöfen. Wie zwei Feuerbälle leuchtete uns das Gasfeuer aus den runden Ofentüren entgegen.

Auf einem Gestell lag eine etwa 2-3 m lange, halbrunde Schaufel mit Steinkohle gefüllt. Die Gasarbeiter schoben diese Schaufel in ein rundes Feuerloch, drehten die Schaufel um und zogen sie schnell wieder heraus. Durch die sehr große Hitze begann die Gasaustreibung.

Nach einer gewissen Zeit wurde mit der langen, fahrbaren Schaufel die rote Kohlenglut aus dem Ofen geholt und draußen ausgeschüttet. Zur schnellen Auskühlung wurde Wasser über den glühenden Kohleberg gegossen. Riesige Dampfwolken stiegen zum Himmel. Wir mussten immer großen Abstand halten, denn der heiße Wasserdampf war gefährlich.


Heimatverein Warendorf: Kokereiöfen mit ausfahrbaren Ofenröhren um 1920Für die Gaswerksarbeiter war es eine schwere und heiße Arbeit. Durch den Staub waren ihre Gesichter immer schwarz. Wir fürchteten die Männer aber nicht, denn wir kannten sie ja. Die Gaserzeugung aus der Steinkohle war der größte Nutzeffekt. Die abgekühlte Glut war der Koks. Er war ein begehrter Brennstoff für Heizungsöfen. Wer es sich leisten konnte, legte für das ganze Haus eine Zentralheizung an, meistens stand ein mit Koks befeuerter Heizkessel im Keller. Ein anderes verwertbares Nebenprodukt der Kokerei war der Teer.

 

Schon seit 1865 wurde der Marktplatz mit Gaslaternen beleuchtet, das war sehr fortschrittlich für diese kleine Stadt. Nach und nach wurden auch in den Straßen Laternen angebracht. Schöne schmiedeeiserne Lampenarme mit einer aufgesetzten Glaskuppel, in der sich der Glühstrumpf befand, waren an den Hausecken angebracht, die zudem auch Straßenecken waren. So wurden zwei Straßenzüge mit einer Lampe beleuchtet.


Wenn wir im Winter in der Dämmerung auf der Straße spielten, konnten wir das allabendliche Schauspiel des Laternenanzündens erleben. Der Laternenanzünder ging mit einer langen Stange, die am oberen Ende eine Flamme hatte, von Straßenlaterne zu Straßenlaterne. Hier zog er an einer herunter hängenden Schnur, wodurch eine Öffnung des Gashahnes bewirkt wurde. Mit seinem brennenden Gasstab entzündete er die Gasflamme. Um dieses kleine Schauspiel erneut leben zu können, liefen wir Kinder bis zur nächsten Straßenecke hinter dem Laternenanzünder her.

Am nächsten Morgen ging der Lampenwärter wieder von Gaslampe zu Gaslampe, zog an der anderen Schnur, so dass die Gaszufuhr gestoppt wurde und die Gasflamme erlosch.

 

Für die Beleuchtung der Wohnungen und später auch das Kochen auf dem Gaskocher, war das Gas eine begehrte Energiequelle. Die Gasbeleuchtung war verglichen mit den Petroleumlampen ein großer Fortschritt. Für das Klima in den Wohnräumen war das Gas aber wohl nachteilig, denn unsere Palme im Wohnzimmer ging nach kurzer Zeit ein.Das änderte sich, als wir 1923 elektrisches Licht bekamen.

 

Es war vielen Müttern bekannt, dass die Luft in der Gasanstalt zur Gesundung ihrer an Keuchhusten erkrankten Kinder beitragen konnte. Mehrere Male hielten sie sich mit dem erkrankten Kind vor den großen Öfen auf. Ob die Wärme oder die Zusammensetzung der Luft die Besserung brachte, weiß man nicht. Das Vertrauen in diese Heilmethode war groß.

 

Diese Gasanstalt hat von 1863 bis 1950 bestanden. Ein privates, kleines Gaswerk gab es für kurze Zeit im Garten der Harmonie an der Münsterstraße.

Tüchtige Bürgermeister wie Joseph Zumloh (1856-1869) und Wilhelm Diederich (1869-1904) haben sich um das große Gaswerk verdient gemacht. Die Stadt verkaufte dieses Werk 1917 an die Elektrizitätswerke. 1929 wurde das Gaswerk Eigentum der VEW. Langjähriger Leiter des Gaswerkes war Franz Hilker, der seine Dienstwohnung am Gaswerk hatte. Er war ein sehr geachteter Warendorfer Bürger, darum wurde sein plötzlicher Tod bei der Hagelprozession (eine Bittprozession gegen Unwetter) 1934 sehr bedauert.

 

1950 wurde der Betrieb der Gasanstalt eingestellt. Die VEW nutzte das Gelände für ihre Verwaltung bis zur Jahrtausendwende.

 

Die Autorin Eugenie Haunhorst geb. Göcke wurde 1912 in Warendorf geboren und wuchs in einer Lehrerfamilie mit vier Geschwistern auf. Im Alter von 90 Jahren begann sie, Erinnerungen aus ihrem Leben im Warendorf der 1920er Jahre aufzuschreiben. Sie starb 2016 im Alter von 103 Jahren.


 

Bild: Archiv der Altstadtfreunde Warendorf
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

Aus der Geschichte Warendorfs:
Als in Warendorf der Kaffeegenuss verboten war
von Wolfgang Reisner (1. 3. 2022)

Die absolutistischen Staaten des 18. Jahrhunderts regelte durch mancherlei Verbote das Leben ihrer Untertanen. Ein solches Beispiel ist ein 1766 für das Fürstbistum Münster, zu dem Warendorf gehörte, erlassenes Verbot des Trinkens von Kaffee und Tee für die Unterschicht - „von geringer Handthierung lebenden Unterthanen, so wie den Dienstboten und Armen“ - und für die auf dem Lande und in Dörfern wohnenden „freien und schatzpflichtigen Bauern, Kötter, Brinksitzer [Kleinbauern oder Heuerlinge am Rande des Dorfes oder der Mark] und von ihrer Handarbeit lebenden Individuen“. Begründet wurde das Verbot, das der Landesherr Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, am 24.8.1766 auf Antrag der Landstände erließ, damit, um der „gar zu stark eingerissenen, und auf eine verderbliche und verschwenderische Weise fortgesetzt werdenden Thee- und Kaffee-Trinken Ziel und Maaß zu setzen“. Das Verbot galt in und außerhalb der Wohnungen. Für Übertretungen wurde eine Strafe von drei Reichstalern angedroht. Diese Strafe traf auch Gastwirte, die diesem Personenkreis Tee oder Kaffee ausschenkten. Das Verbot galt nicht für wohlhabendere Bürger, den Adel und die Geistlichkeit. Ein kleines Hintertürchen räumte der Landesherr Auch für die Unterschicht ein: Der vom Verbot betroffene Personenkreis konnte jährlich für zwei Reichstaler, die in die Landeskasse flossen, einen Erlaubnisschein für die gesamte Familie lösen. Es wurde bestimmt, dass schon der bloße Besitz von Kaffee oder Tee und des dafür notwendigen Geschirrs ebenfalls mit drei Reichstalern Strafe belegt war. Wer die Übertretung dieses Verbotes anzeigte, erhielt ein Drittel der verhängten Strafe. Es wurde auch bestimmt, dass Kaufleute Geldforderungen für an diesen Personenkreis verkauften Kaffee und Tee nicht einklagen konnten.

Dieses Verbot – „zum Besten der Unterthanen“ - geschah nicht, um die Bevölkerung vor gesundheitlichen Gefahren zu schützen. Dann hätte man generell den Kaffee- und Teegenuss verbieten müssen. Es ging bei der damals herrschenden Wirtschaftspolitik des Merkantilismus darum, zu verhindern, dass für die aus fernen Ländern kommenden Dinge sehr viel Geld ins Ausland abfloss. Dabei mag auch die Überlegung mitgespielt haben, Minderbemittelte davor zu bewahren, ihr Geld für teuren Kaffee oder Tee auszugeben. Nach dem Ratsprotokoll vom 21.2.1772 wurde vom Warendorfer Rat verfügt, dass den Armen die Almosen, die teils aus Brot und teils aus Geld bestanden, am Sonntag nachmittags erst nach der Christenlehre auszuteilen seien, um einmal diesen Personenkreis zum Besuch der Christenlehre anzuhalten und ihnen dadurch den Anlass zu nehmen, die Gelder für Tee oder Kaffee auszugeben.

 

Auf merkantilistischen Überlegungen beruhte auch, dass bei der Bestätigung der Rolle des Krameramtes 1632 Fürstbischof Clemens August von Bayern den Warendorfer Kaufleuten  den Handel mit verschiedenen Importwaren wie z.B. Seide, ausländischen Strümpfen, Kaffee, Tee, Zucker, Safran, Ingwer und anderen Spezereien aus fremden Ländern verbot. Auch in anderen Staaten waren solche Kaffeeverbote erlassen worden. So war für das zum Kurfürstentum Köln gehörende Herzogtum Westfalen, das das sogenannte Kölnische Sauerland umfasste - im Wesentlichen der heutige Kreis Olpe und der Hochsauerlandkreis -, am 23.12.1766 vom Kurfürsten Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, der gleichzeitig Fürstbischof von Münster war, den Gewerbetreibenden der Groß- und Einzelhandel mit Kaffee sowie allen Bürgern, Bauern, Arbeitern und den Dienstboten der Genuss von Kaffee unter Androhung von Geldstrafen verboten worden. Gleichzeitig wurde befohlen, alles Kaffeegeschirr abzuschaffen. Auch hier gab es Ausnahmen für die „höheren Stände“, denen der Bezug von Kaffee aus dem Ausland und dessen mäßiger Genuss für sich und ihre Kinder gestattet wurde. Da diese Verordnung und eine ähnliche 1767 für das Vest Recklinghausen erlassene Verordnung, die das Kaffee- und Teetrinken einschränken sollten, keinen Erfolg hatten, wurde 1770 der Verkauf und Genuss des Kaffees wieder erlaubt. Es hatte nur jeder Einwohner höheren Standes jährlich einen Erlaubnisschein für vier Taler zu lösen. , da es wohl keine Wirkung hatte.ie ärmeren Einwohner hatten vierteljährlich einen Taler für die Erlaubnis zu zahlen, Kaffee trinken zu dürfen. Im Jahre 1781 wurde, um dem „sehr stark eingerissenen Uebel des Kaffeetrinkens zu steuern“ für das Herzogtum Westfalen und für das Vest Recklinghausen jeder Handel mit rohem und geröstetem Kaffee sowie das Ausschenken von Kaffee unter Androhung von Geld- und Zuchthausstrafen verboten. Die Einfuhr von Kaffee war nur in Mengen von mehr als 50 Pfund, die nicht von mehreren Personen bezogen und geteilt werden durften, erlaubt. Hausfrauen wurde untersagt, ihren Dienstboten das Kaffeetrinken zu erlauben.

Auch den preußischen König Friedrich II. ärgerte es, dass für Kaffee jährlich mehr als 700.000 Taler ins Ausland flossen. Da auch eine hohe Besteuerung keine Wirkung zeigte, wurde 1781 angeordnet, dass mit Ausnahme des Adels, der Geistlichkeit, des Militärs und der höheren Beamten die Bevölkerung nur von eingerichteten staatlichen Kaffeebrennereien gerösteten Kaffee in amtlich verschlossenen Büchsen zum Preis von einem Taler für 24 Loth [ein Loth entsprach ca. 16 Gramm] erwerben konnten. Zur Überwachung des Verbotes, selbst Kaffee zu rösten, wurden Steuerbeamte, meist Kriegsinvaliden, eingestellt, im Volksmund „Kaffeeriecher“ genannt, die auf den Straßen nach dem Duft von geröstetem Kaffee fahndeten. Diese Kaffeeriecher hatten das Recht, in den Häusern nach ungeröstetem und unversteuertem Kaffee zu suchen.

 

 
Preußische Kaffeeriecher im Einsatz, Gemälde von L. Katzenstein, aus:  Die Gartenlaube, Jahrgang 1892, Heft 8, S. 257, hier aus Scans bei Commons

 

Nur gelegentlich findet man etwas über Kaffee und Tee in den Warendorfer Ratsprotokollen. Im Jahre 1749 trug der Imposteneinnehmer Cloedt [Imposten = städtische Einfuhrabgaben] dem Rat vor, dass ein Jude Jakob, versucht habe, für einen Sack von über 100 Pfund Kaffeebohnen die fälligen Akzisen zu hinterziehen. Jakob gestand es. Der Rat schlug ihm einen Vergleich vor. Bis dahin nahm man  die Kaffeebohnen im Rathaus in Verwahrung. Im Jahre 1741 scheint ein Händler aus Rheda Akzisen für Tee hinterzogen zu haben. Er übergibt zumindest vier Reichstaler Strafe und bittet in der Ratssitzung vom 8.3.1741 Bürgermeister und Rat, ihm die Hälfte der Strafe zu erlassen.

 

Durch eine landesherrliche Anordnung vom 6.12.1785 wurde im Fürstbistum Münster das Verbot des Tee- und Kaffeetrinkens wieder aufgehoben, da es wohl keine Wirkung hatte.

 

Quellenverzeichnis:

J.J. Scotti, Sammlung der Gesetze und Verordnungen, welche in dem Königl. Preuß. Erbfürstentum Münster und ... über Gegenstände der Landeshoheit, Verwaltung und Rechtspflege ergangen sind, Münster, 1842

Ratsprotokolle und Kämmereirechnungen der Stadt Warendorf, Bände 9, 10, 11 der Warendorfer Geschichtsquellen

F. Ebertyx, Geschichte des Preußischen Staates, 5. Band, Breslau 1870, S. 33

 

Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:

Der „Neue Bahnhof“ in Warendorf
von Mechtild Wolff (25. 2. 2022)


Der "neue" Bahnhof Warendorf


Wenn meine Großmutter verreisen wollte, dann begann ihre Zugfahrt am „Neuen Bahnhof“. Der wurde zwar schon 1902 erbaut, aber die Tatsache, dass die Warendorfer ihren schönen „Alten Bahnhof“ schon nach 15 Jahren wieder aufgeben mussten, war unvergessen. Nun aber war der neue Warendorfer Bahnhof ein Eisenbahnknotenpunkt mit Rangiergleis, Verlade-Rampe, Unterführung und Lokschuppen. Man konnte nicht nur nach Münster und Rheda Wiedenbrück fahren, sondern auch nach Freckenhorst, Westkirchen, Ennigerloh und Neubeckum. Der Bahnanschluss war auch für die kleinen Orte von entscheidender Bedeutung. So konnten z.B. die Freckenhorster Webereien die fertigen Stoffballen direkt zum Bahnhof in Freckenhorst bringen und Rohstoffe dort abholen. Nur das Expressgut wurde nach wie vor mit Pferd und Wagen zum Güterbahnhof in Warendorf gebracht. Ja, die ländliche Region war nun auch verkehrstechnisch an die große, weite Welt angebunden. Geschäftliche Auslandbeziehungen bestanden schon lange. Die Firma Kreimer in Freckenhorst exportierte schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bis nach Amerika, die Firma Breede lieferte nach Shanghai und auch die Warendorfer Weberei Brinkhaus hatte viele Kunden im Ausland.

 

Sperriges Gut wurde von der Landmaschinenfabrik Hagedorn und der Eisengießerei Amsbeck und der Firma Bruch direkt am Güterbahnhof angeliefert und abgeholt.

 


Die Firma Hagedorn liefert Maschinenteile zum Bahnhof

  

Friedel Niemeyer und Paul Perdun im Schalterraum
Das neue Warendorfer Bahnhofsgebäude war gut ausgestattet mit einer Schalterhalle und einer Gaststätte. Hier warteten die Reisenden vor Regen und Wind geschützt auf den Zug, hier kauften sie ihre Fahrkarte am Fahrkartenschalter. Hinter der Glasscheibe mit dem kleinen Sprechfenster verkauften die beiden Bahnbeamten Friedel Niemeyer und Paul Perdun bei Bedarf Fahrkarten sogar bis nach Moskau, aber auch Bahnsteigkarten für 10 Pfennig, denn einfach auf den Bahnsteig gehen durfte damals niemand.

Erst kurz vor Eintreffen des Zuges öffnete die Sperre, die von zwei uniformierten Bahnbeamtem besetzt war. Auf der einen Seite wurden die Fahrkarten der abfahrenden Reisenden kontrollierte und abgeknipst, auf der anderen die der ankommenden Fahrgäste entwertet. Natürlich wurde auch die Bahnsteigkarte abgeknipst, damit sie nicht ein zweites Mal verwendet werden konnte. Die Bahnsteigkarte war notwendig, wenn man jemanden zum Zug bringen wollte oder vom Zug abholen wollte. Es galt früher als unhöflich, einfach nur hinter der Sperre zu warten, man wollte ja auf dem Bahnhof mit dem Taschentuch winken.

 

"Zurücktreten von der Bahnsteigkante, der Zug fährt ab" 1950: Die Post wird aus dem Zug
in den Postkarren geladen

 

Bei Ankunft des Zuges suchten die Reisenden sich eiligst ein noch nicht so belegtes Abteil in der 2. Klasse, auch

Otto Göcke
 am Vorläufer
des Andreaskreuzes
Holzklasse genannt, denn hier saß man auf ziemlich harten Holzbänken. Die  1. Klasse mit den gepolsterten Sitzen leisteten sich nur sehr wenige Reisende. Der letzte Waggon des Zuges war immer der Postwagen.  Sobald der Zug ankam wurden Briefe, Päckchen und Pakete aus dem Postwaggon in den hölzernen Warendorfer Postkarren umgeladen und die ausgehende Post wurde in den Zug eingeladen. War alles fertig, konnte der Schaffner mit seiner Trillerpfeife pfeifen und der Zug fuhr ab. Den Postkarren beförderten dann drei Postbeamte zum nahe gelegenen Postamt - zwei zogen, einer schob.

Die Fahrt mit dem „Pängel-Anton“ war immer ein besonderes Vergnügen. Seinen Namen hatte er wegen des dauernden Pängelns und Pfeifens auf der Strecke, denn immer wenn am Trassenrand ein weißes Schild mit einem schwarzen P (Pfeifen) erschien, musste der Lockführer das Fußpedal betätigen und ein marker-schütternder Pfiff ertönte und warnte alle, die sich an einem der zahllosen Bahnübergänge befanden. Das Andreaskreuz als Warnung an einem unbeschrankten Bahnübergang war noch nicht erfunden, aber das „Halt“- Schild erklärte die Gefahr ausführlich. Für die 26 km bis Münster brauchte der Zug damals 85 Minuten, denn er fuhr höchstens 25 Stundenkilometer und musste an vielen Bahnhöfen anhalten, am Klauenberg, in Raestrup, Telgte, Jägerhaus, Handorf und Mauritz und erst dann erreichte der Zug in den Hauptbahnhof in Münster. Heute fährt der Zug in 33 Minuten nach Münster und stoppt aber nur noch in Telgte und am neuen Haltepunkt Müssingen. Das Problem der vielen unbeschrankten Bahnübergänge ist immer noch nicht gelöst, sonst könnten die Züge bequem alle halbe Stunde von Warendorf nach Münster fahren.

 


Der brennende Warendorfer Bahnhof

 

Der Bahnhof brennt! So ging es am 13. Januar 1995 wie ein Lauffeuer durch Warendorf. Hunderte Schaulustige beobachteten mit Grausen, wie ihr kompletter Bahnhof ein Raub der Flammen wurde. Die Brandursache wurde nie gänzlich geklärt, man geht aber von Brandstiftung in einer Halle des Güterbahnhofs aus, in der die Inlettweberei Brinkhaus Federbetten gelagert hatte. Der Brandschaden war so groß, dass der gesamte Bahnhof abgerissen werden musste. Nun gab es nur noch einen Fahrplanaushang und den Fahrkartenautomaten auf Bahnsteig. Wie gut, dass der Kiosk von Frau Kirsch an der Ecke Wilhelmstraße nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dort können sich nach wie vor die Bahnfahrer ihre Zeitung und das Brötchen kaufen und die neuesten Nachrichten des Tages hören. Einen Vorteil hatten die Autofahrer. Sie konnten nun direkt bis an den Bahnsteig fahren und wenn sie Glück hatten, dort sogar parken. Ein Dauerzustand aber sollte das leider nicht sein.

Viele Jahre lang forderten die Bürger: Warendorf braucht einen neuen Bahnhof! Die Deutsche Bundesbahn wollte wohl den Warendorfer Bahnhof in das „100 Bahnhöfe-Programm“ aufnehmen, das aber nur den Bau eines Bahnhofs, nicht aber eines Bahnhofsgebäudes beinhaltete. Das Bahnhofsgelände sollte verkauft werden. Die Stadt Warendorf suchte noch eine Lösung, als die Bahn im Januar 2000 Fakten schaffte und das Bahnhofsgelände an die h&w Immobilien aus Harsewinkel verkaufte. Die planten auf dem Gelände ein Geschäfts- und Bürogebäude, evtl. auch ein Ärztezentrum. Den Warendorfern wurde schnell klar, ein richtiges Bahnhofsgebäude mit Fahrkartenschalter, Auskunft und Gaststätte wird es wohl nicht mehr geben. In dem Bürogebäude sollte aber im unteren Bereich ein Aufenthaltsraum mit Fahrplanaushang sein, wo man an einem Fahrkartenautomaten seinen Fahrschein ziehen konnte.

 

 

Am 14. Dezember 2003 wurde dann der „neue Bahnhof“ eingeweiht. Er bestand aus einem Bahnsteig, einer Unterführung, einem Fahrradparkhaus, einem Parkplatz und einem großen Bahnhofsvorplatz. Da ein Aufzug für die Unterführung zu teuer und vor allem zu störanfällig geworden wäre, wurde ein zweiter Zugang an der Zumlohstraße gebaut. So waren beide Geleise plangleich erreichbar.

Nun konnte der erste Zug in den neuen Bahnhof einfahren. Die Deutsche Bahn hatte sich allerdings von dieser Nebenstrecke verabschiedet, die „Nordwestbahn“ trat die Nachfolge an und präsentierte der staunenden Bevölkerung einen eleganten, modernen Zug, ausgestattet mit gepolsterten Sitzen mit Kopfhöreranschlüssen, Fahrkartenautomaten in den Abteilen und großzügigen Fahrradplätzen. Ja, man konnte sich sogar für 50 Cent an Getränkeautomaten heißen Kaffee und Tomaten- oder Spargelsuppe kaufen. Fast geräuschlos schnurrte der Zug Richtung Münster. Das war wirklich eine neue Bahn Ära. Der Güterverkehr wurde allerdings ganz eingestellt.

Der Bahnhofsvorplatz wurde aufwändig und großzügig mit vielen Lampen und einer Arkaden-Baumallee gestaltet, geplant vom Warendorfer Architektur-Büro  Klein/Riesenbeck. Das Bahnhofsgebäude aber wurde zu einer unendlichen Geschichte. 2003 musste die Immobilienfirma h&w Konkurs anmelden und auch all die nachfolgenden Investoren kamen zu dem Schluss: Ein Bürogebäude am Bahnhof rechnet sich nicht! Noch heute befindet sich neben dem Bahnsteig eine Rasenfläche - vielleicht Gott sei Dank, denn wenn man sich hier ein dreistöckiges Gebäude vorstellt, dann könnte das schon sehr beengend wirken.

Auf den Bahnhofsvorplatz wurde 2009 nach der Auslobung des Wettbewerbs „Kunst am Bahnhof“ ein Kunstwerk aufgestellt, getreu der Vorschrift „2% der Bausumme für Kunst am Bau“. Die Jury entschied sich für das Skulpturenensemble  „Urbanes Baumzeichen“ des Beckumer Künstlers Ulrich Möckel, eine 3,50m hohe Skulptur aus spiegelndem, poliertem Edelstahl, die mit einer vierteiligen Sitzgruppe aus anthrazitfarbenen Betonsteinen vor Heitmanns Geschäftshaus an der B64 korrespondiert. Die Warendorfer Künstler waren nicht sehr begeistert, dass nicht ein heimischer Künstler, z.B. Demir Demiroski mit seinem Sprinter oder Rolf Pfand mit einem Warendorfer Schmiedekunstwerk zur künstlerischen Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes beitragen durften.



Das war einmal unser Bahnhof


Mechtild Wolff                                       

 

 

Quellen: Zeitzeugenberichte und eigene Erinnerungen

              Werner Ströker: Geschichte(n) aus Warendorf

               Presseberichte und Ratsprotokolle

Bilder:    Archiv der Altstadtfreunde und Archiv Wolff

 

Der „Alte Bahnhof“ an der Wallpromenade
von Mechtild Wolff (22. 1. 2022)

 
Der erste Warendorfer Bahnhof von 1887

 

Der 8. Februar 1887 war ein denkwürdiger Tag für Warendorf: Zum ersten Mal fuhr ein Zug in den neu erbauten Bahnhof an der Wallpromenade ein. Auf dem Bahnsteig, damals noch „Perron“ genannt, standen die Honoratioren der Stadt zur Begrüßung bereit, unterstützt von der Stadtkapelle, die „Ein Hoch auf den Kaiser“ spielte. Nun endlich hatte das aufstrebende Landstädtchen den Anschluss an die große, weite Welt bekommen, dafür hatte der Textilfabrikant Hermann Josef Brinkhaus viele Jahre lang gekämpft. Voller Stolz blickten die Warendorfer auf das prachtvolle Bahnhofsgebäude im neugotischen Stil, das sinnigerweise die Form einer Lokomotive hatte.

  

 

  

Schon nach 15 Jahren, im Jahr 1902, wurde dieser Bahnhof überflüssig. Neben der Ost-Westverbindung nach Münster und Rheda entstand eine neue Nord-Süd-Bahnlinie. Die Westfälische Landeseisenbahn hatte eine Strecke von Warendorf über Freckenhorst, Ennigerloh nach Neubeckum angelegt. Die Bahntrasse konnte aber nicht so gebaut werden, dass sie am bestehenden Bahnhof mündete, das Lehrerseminar und die Häuser an der Breede standen im Weg. So musste man sich 1902 entschließen, etwa 500 m weiter westlich einen neuen Bahnhof zu bauen. Dort konnten sich die beiden Bahnlinien treffen. Vorher wurden aber noch die Geleise hinter den „Alten Bahnhof“ gelegt - heute verläuft die B64 auf der alten Bahntrasse.

Das alte Bahnhofsgebäude musste nun eine neue Verwendung finden. Lange wurde es als Finanzamt genutzt und von der Familie des Seminarlehrers Arthur Rosenstengel bewohnt, der das ehrwürdige Gebäude zusammen mit seinen 10 hochmusikalischen Kindern mit den Klängen der Geigen, Harfen, Klarinetten und Trompeten erfüllte. Mit den Jahren wurde der „Alte Bahnhof“ immer sanierungsbedürftiger und stand viele Jahre lang leer. Es gab mehrere Pläne, die aber immer den Abbruch des „Alten Bahnhofs“ vorsahen. Die Stadt widerstand klugerweise diesen Abbruchanträgen. Vor einigen Jahren kaufte dann ein mutiger Warendorfer Unternehmer den großen, sehr heruntergekommenen „Alten Bahnhof“ und verwandelte ihn in elfmonatiger Bauzeit in ein modernes Büro- und Praxisgebäude. Das historische Aussehen in Lokomotiven-Form wurde erhalten, die Außenfassade konnte mit neuer Strahltechnik vorsichtig gereinigt werden und erstrahlte bald im alten Glanz. Das Innere bekam eine moderne Gestaltung. Im April 2013 wurde der sanierte „Alte Bahnhof“ der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt und schmückt heute als beherrschendes Gebäude wieder die Wallpromenade.

Wie gut, wenn nicht sofort der Abbruchbagger kommt, es findet sich irgendwann doch noch eine gute Lösung.

 


Der "Alte Bahnhof nach der Sanierung von 2013

 

Überarbeitet und ergänzt:
Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte
Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei
von Mechtild Wolff, 2022
Artikel lesen

Carl Leopold und die Schnellsche Verlagsbuchhandlung 1909 - 1986
von Mechtild Wolff (14. 11. 2021)
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DerWarendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Familie  Kottrup - Westhoff: Brennereibesitzer und Stadtbauernhof
von Mechtild Wolff 2021
Artikel lesen

Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Die Fabrikantenfamilie Bispinck
von Mechtild Wolff 2021
Artikel lesen

 

Interessantes und Aktuelles vom Heimatverein Warendorf

Aus der Geschichte Warendorfs:
Als in Warendorf der Kaffeegenuss verboten war

 

Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Neue Bahnhof" in Warendorf von Mechtild Wolff

 

Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Alte Bahnhof" in Warendorf
 
Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte


Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei

 
Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Carl Leopold und die Schnellsche Verlagsbuchhandlung 1909 - 1986


Antrag des Heimatvereins Warendorf an den Bürgermeister Horstmann und den Stadtrat der Stadt Warendorf bzgl. des Erhalts des Hauses Wallgasse 3

 
Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Familie  Kottrup - Westhoff: Brennereibesitzer und Stadtbauernhof

 
Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Die Fabrikantenfamilie Bispinck

 
Hochwasserkatastrophen in Warendorf: 1891 - 1946 - 1956 - 1960
von Mechtild Wolff


„Ketting und Einschlag“ 1950-1963
Werkzeitung der Inlettwebereien H. Brinkhaus Warendorf, Sassenberg, Freckenhorst von Mechtild Wolff

Unsere Bürgermeister:
Heinrich Kleine
Johann Caspar Schnösenberg
Wilhelm Diederichs
Hugo Ewringmann
Heinz Kreuzer
Lorenz Tewes

Wie waren das Abitur und die Schule vor 60 Jahren?
Erinnerungen an die „Schule von gestern“
1960 - 2020: 60 Jahre Abitur am Mariengymnasium Warendorf

 

 

 

 

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