Das schöne Haus Klosterstraße 7
Erinnerungen an die wunderbare Tante Sophie
von Mechtild Wolff (19. 4. 2026)

Ein ganz besonderer Ort meiner Kindheit war das schöne Haus Klosterstraße 7. Hier wohnten Onkel Bernhard und Tante Sophie – ja, damals sagte man noch Onkel und Tante. Bernhard Lohmann war der Bruder meiner Großmutter und war seit 1920 mit Sophie Schmitz geb. Brinkhaus verheiratet. Aber davon hören wir später mehr.

Die junge Sophie im Tapetensaal

Das gemütliche Wohnzimmer von Tante Sophie und Onkel Bernhard mit dem Papagei war direkt rechts neben der Haustür, dort, wo heute das Biedermeierzimmer ist und gegenüber lagen Onkel Bernhards Praxisräume. Mit Tante Sophie verband mich eine ganz besondere Freundschaft. Sie begann eigentlich mit Briefmarken! Tante Sophies beste Freundin war Jenny Brinkhaus, sie war ihre Nichte und ihre Schwägerin, eine vielreisende Weltbürgerin! Von ihr bekam Sophie Ansichtskarten-Grüße aus aller Herren Länder. Diese Karten schenkte sie mir dann und ich riss die Briefmarken für meine Sammlung heraus - schade eigentlich, die Ansichtskarten wären heute viel spannender.

Tante Sophies Lieblingsplatz in ihrem schönen Haus war allerdings ihr eleganter Gartensaal. Sie freute sich immer, wenn sie Besuchern die einzigartigen Bildtapeten zeigen und dann die amüsanten Geschichten aus ihrer spannenden Familie zum Besten geben konnte. Sie erzählte z.B. von ihrem Ur-Großvater, dem Medizinalrat und späteren Hofrat Dr. Franz Josef Katzenberger (1767-1838). Den Titel Hofrat hatte er 1791 im Alter von 24 Jahren vom königlich, preußischen Prinzen August Ferdinand verliehen bekommen, weil er in Berlin dessen Tochter durch Kaiserschnitt gesund zur Welt gebracht hatte. Die königliche Entlohnung hat sicher geholfen, 1812 dieses prachtvolle Bürgerhaus erbauen zu können. Außerdem war Hofrat Katzenberger verheiratet mit einer wohlhabenden Kaufmannstochter aus Amsterdam, Anna Elisabeth geb. Schmitz (1781-1849).

 

Die handgedruckten Bildtapeten im Haus Klosterstraße 7

Für die Kleinstadt Warendorf war dieses Haus ungewöhnlich prächtig. Der Glanzpunkt des klassizistischen Bürgerhauses waren auch damals schon der Gartensaal und der Salon mit den handgedruckten französischen Bildtapeten.

Wie kam ein Hofrat auf die Idee, die Welt der Inkas und die Abenteuer des Telemach ins eigene Wohnzimmer zu holen? Es wird der französische Einfluss dieser Zeit gewesen sein! Leben wie in Frankreich und nicht wie im ländlich, sittlichen Westfalen, das war das Ideal. Die wohlhabenden Bürger wollten sich die große, weite Welt ins Haus holen. Seit 1793 gab es in Westfalen viele französische Emigranten, die vor dem Terror der Französischen Revolution geflohen waren. Sie stammten vor allem aus dem Adel und aus der Geistlichkeit und brachten Eleganz nach Westfalen.

Von 1806 bis 1813 war das Münsterland von den Franzosen besetzt. Der französische Einfluss war bei der Oberschicht bald nicht mehr zu übersehen. „Wer schick sein wollte, kleidete sich nach der französischen Mode“, erklärte Tante Sophie. „Meine Mutter ließ viele französische Worte in ihre Alltagssprache einfließen: Sie wäre nie auf einem Bürgersteig gegangen, das hieß Trottoir und ein Regenschirm war ein Paraplui und man ging nicht irgendwo zu Besuch, man ging auf Visite“. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Katzenbergers sich für eine Bildtapete aus der weltberühmten Manufaktur Dufour und Leroy in Paris entschieden.

Dort wurden diese Bildtapeten 1823 und 1824 genau nach Maß für die beiden Räume handgedruckt. Für die Herstellung der Inka -Tapete im großen Gartensaal wurden 2112 Druckmodeln geschnitzt und 83 verschiedene Farben verwendet. Die Tapetenbahnen sind 2,60 m lang und wurden aus 55x44cm großen Quadraten zusammengesetzt.

Für die Telemach-Tapete im Salon brauchte man 2027 Druckmodeln und 87 Farben. Die Herstellung der Tapete dauerte zwei Jahre. In der Manufaktur Dufour & Leroy arbeiteten damals bis zu 200 Mitarbeiter.

Verwunderlich ist, dass man diese Bildtapeten hier in Warendorf bei dem Anstreicher Johann Bernhard Frye in der Krückenmühle aussuchen konnte und er besorgte sie und brachte sie auch an. Katzenbergers hatten eine reiche Auswahl zwischen Parkszenen und romantischen Landschaften, Hafenbildern, Schlachten-bildern, römischen Ruinen und vielem mehr. Sie entschieden sich für „Die Inkas oder die Zerstörung des Reiches von Peru“ im Gartensaal und „Die Abenteuer des Telemach“ im Salon.

Tante Sophie erzählte gern von den sagenumwobenen „Die Inkas“ und schilderte die abenteuerliche Fahrt des Telemach, der seinen Vater Odysseus suchte, sich aber in die Nymphe Eucharis verliebt und darüber die Suche nach seinem Vater vergaß. Ihre Augen begannen zu funkeln, wenn sie erzählte, dass sich Kalypso auch in Telemach verliebt, wie früher in seinen Vater Odysseus und ihn erst das brennende Schiff wieder auf den Weg zu seiner eigentlichen Aufgabe zurückbrachte.

Ein Skandal - die erzwungene Heirat der Anna Maria Katzenberger

Tante Sophie lebte ganz in der Welt dieser Geschichten und freute sich, sie immer wieder erzählen zu können, genauso wie die Geschichten aus ihrer Familie. Besonders angetan hatte es ihr die romantische Liebesgeschichte ihrer Großeltern, die für Warendorf später von großer Bedeutung werden sollten:

Es war im Jahr 1820, als die 17jährige Maria Anna Katzenberger sich unsterblich in den jungen Premierleutnant Gottfried Heinrich Ostermann (geb. 1793 in Hamm) verliebte. Er diente im 12. Husaren Regiment, das von 1816-1832 in Warendorf lag. Gottfried Heinrich Ostermann war als königlich preußischer Premierleutnant sehr tüchtig und er hatte aus den Befreiungskriegen 1813-1815 das Eiserne Kreuz mitgebracht. All seine Verdienste halfen ihm nichts, die Eltern Katzenberger stimmten einer Hochzeit nicht zu, denn Ostermann war evangelisch. Außerdem war für den vermögenden Hofrat der arme Leutnant nicht standesgemäß. Und als Holländerin war die Hofrätin sowieso schlecht auf preußisches Militär zu sprechen. Sie versuchte mit allen Mitteln diese Liaison zu verhindern. Und es war abgemacht, dass Maria Anna den jungen Assessor Forckenbeck heiraten sollte, den Sohn des Oberpräsidenten aus Münster. Maria Anna und Gottfried Heinrich aber fühlten sich füreinander bestimmt. Um ihr Glück zu erzwingen, ließ Maria Anna sich von ihrem Herz-allerliebsten entführen. Mit einer Leiter stieg sie aus ihrem Fenster im 1. Stock auf der Rückseite ihres Elternhauses. Am Emsufer lag ein Kahn, der mit zwei Soldaten bemannt war. Am jenseitigen Ufer hielt eine Kutsche, die das verliebte Paar nach Arnsberg brachte, wo Maria Anna bei Ostermanns Schwester, einer Pastorenfrau, Unterschlupf fand.

Natürlich verbreitete sich die Nachricht von der Flucht der Hofratstochter schnell in ganz Warendorf - welch ein Skandal. Auch Maria Anna fühlte sich ganz und gar nicht wohl in ihrer Situation, so etwas tat eine wohlerzogene Tochter einfach nicht. Sie bat ihre Eltern um Verzeihung und hoffte, wieder nach Hause zu kommen zu dürfen. So einfach konnte sie aber nicht „vor der Welt“ zurückkommen. Nur eine schnelle Heirat konnte helfen. In der Laurentiuskirche wurde die geplante Eheschließung „einmal für dreimal“ verkündet und am 10. Oktober 1820 richteten die Eltern Katzenberger ihrer einzigen Tochter eine glanzvolle Hochzeit aus, hier im schönen Gartensaal, aber ohne die prächtigen Bildtapeten, denn die wurden erst vier Jahre später angebracht.

 

Mit der Heirat musste Gottfried Heinrich Ostermann eine Kaution stellen, um im Regiment bleiben zu können. Die wohlhabenden Katzenbergers verweigerten ihm aber das Geld, die Verbitterung war zu groß. So musste der hoffnungsvolle Offizier seine Uniform schweren Herzens ausziehen und eine Stelle als Kreissekretär in Ahaus annehmen. Ein schweres Los für einen jungen Mann, der seine schmucke Uniform und das flotte Offiziersleben so geliebt hatte. Und ein Posten, der wenig Geld einbrachte. Es schmerzte Gottfried Heinrich unendlich, dass er seiner über alles geliebten Maria Anna kein sorgenfreies Leben bieten konnte, zumal sie in ihrer Jugend nie Grund zum Sparen gehabt hatte.

Die Fabrikantendynastie Brinkhaus

Und ein anderes Problem war sehr schmerzlich. Das junge Paar hatte schon bei der Hochzeit einwilligen müssen, die Erziehung ihrer Kinder zur Sicherung einer katholischen Erziehung ab dem 5. Lebensjahr in die Hände der Großeltern Katzenberger zu legen. So kam es, dass die vier ältesten Töchter im heutigen Haus Klosterstraße 7, damals hieß sie noch Ritterstraße, aufwuchsen. Die beiden jüngeren Kinder durften bei den Eltern bleiben. Die Großeltern Katzenberger sorgten sehr gut für die Kinder. Die Mädchen bekamen eine umfassende humanistische und musikalische Ausbildung und gediehen prächtig. So wundert es nicht, dass der erfolgreiche Kaufmann Hermann Josef Brinkhaus (1819-1885) ein Auge auf die sympathische und selbstbewusste Johanna Ostermann (1823-1911) warf, als diese gerade ihre Großtante Jeannette in Borghorst besuchte. Er folgte ihr nach Warendorf und 1844 wurde eine glanzvolle Hochzeit gefeiert.


Verlobungstassen von Hermann Josef Brinkhaus und Johanna Ostermann

Das war der Anfang der Textil-Dynastie Brinkhaus in Warendorf, die für Warendorf von großer Bedeutung wurde.

Mit Hermann Josef Brinkhaus kam ein  innovativer Textilkaufmann aus dem Westmünsterland nach Warendorf, der hier 1861 die erste mechanische Weberei erbaute und damit das Industriezeitalter in die alten Weberstadt Warendorf brachte.

Diese erste mechanische Weberei „Brinkhaus und Wiemann“ gründete er gemeinsam mit seinem Freund Eduard Wiemann. Dieser verliebte sich in Johannas Schwester Sophia und heiratete sie. Hätte man die Villa Sophia nicht abgerissen, würde noch heute die Villa an der Sassenberger Straße an dieses elegante und kunstsinnige Ehepaar erinnern.

 

Die wunderbare Tante Sophie

Meine Tante Sophie - sie wurde nach ihrer Patentante Sophia Wiemann benannt - war das Jüngste der neun Kinder von Hermann Josef Brinkhaus und Johanna  Ostermann. Sie erlebte in ihrer Kindheit, wie ihr Vater die neue Fabrik „H. Brinkhaus“ auf der anderen Seite der Ems baute, auf der heutigen „Emsinsel“. Nach dem frühen Tode ihres Vaters 1885 führten ihre Brüder Hermann und Bernhard Brinkhaus die Firma sehr erfolgreich weiter, die zur bedeutendsten Inlettweberei Europas wurde und zeitweise über 1000 Familien in Warendorf in Lohn und Brot brachte.

 
1906: Tante Sophie in der Benzinkutsche 

Sophie war beim Tod ihres Vaters Hermann Josef Brinkhaus erst 15 Jahre alt, darum blieb sie mit ihrer Mutter im Elternhaus wohnen. 1890 heiratete sie den Sanitätsrat Dr. Eduard Schmitz. Er betrieb hier im Hause seine Arztpraxis und Sophie sorgte für ein reges gesellschaftliches Leben. Sie war lebenslustig und pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Fröhliche Feste wurden in den Tapetensälen gefeiert. 1906 war Sophie die erste Frau im Kreis Warendorf, die es wagte, sich in eine Benzinkutsche zu setzen. Ihr Bruder Bernhard hatte sich solch ein stinkendes Ungeheuer zugelegt und sie zu einer Spazierfahrt eingeladen. Die sonntägliche Spazierfahrt mit ihrer Mutter machte sie auch weiterhin mit der Kutsche. 1911 starb ihre Mutter Johanna Brinkhaus geb. Ostermann. Ihre Brüder Hermann und Bernhard erbten die Firma Brinkhaus und Sophie bekam das Elternhaus Klosterstraße 7. Es blieb auch weiterhin das Zentrum der Familie.

 

 

  

Neues Glück nach großem Leid

Dr. Bernhard Lohmann

1917, nach 27jähriger glücklicher Ehe, verstarb ihr Ehemann, der Sanitätsrat Dr. Eduard Schmitz. Für Sophie war das eine Katastrophe, sie hatte keine Altersversorgung und keine Kinder, die für sie sorgen konnten. Wie sollte sie nun das große Haus unterhalten? Sie musste es notgedrungen zum Verkauf anbieten.

Der Bruder meiner Großmutter, der Sanitätsrat Dr. Bernhard Lohmann, hatte sich nach dem 1. Weltkrieg als Arzt in Warendorf niedergelassen und suchte ein geeignetes Haus für seine Arztpraxis und seine kleine Familie. Seine Frau war im Krieg gestorben und er lebte allein mit seiner Tochter Therese. Bernhard Lohmann hatte Warendorf ausgewählt, weil hier seine Schwester Eugenie, meine Großmutter, mit ihrer Familie wohnte. Das Haus der Witwe Schmitz gefiel ihm auf Anhieb und er freute sich, die Medizinalrats-Tradition fortsetzen zu können. Der Verkauf des Hauses war für Sophie sehr schmerzhaft, denn sie musste nun ihr Elternhaus verlassen, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte und das sie über alles liebte. So traf es sich wunderbar, dass Bernhard Lohmann sich in die überaus charmante und liebenswerte Sophie Schmitz verliebte. 1920 zog Sophie als Frau des neuen Medizinalrats wieder in ihr Elternhaus ein. Ganz besonders freute sich Sophie, dass sie nun eine Tochter hatte.


1923 Hochzeit von Therese Lohmann und Aloys Kohstall

1923 richtete sie für Therese und Aloys Kohstall eine wunderbare Hochzeit aus, die natürlich im schönen Haus Klosterstraße 7 in den Tapetensälen und im Garten gefeiert wurde.

Nun verließ Threschen zwar ihr Elternhaus, aber es dauerte nicht lange, bis wieder Leben ins Haus kam, denn Threschen und Aloys bekam 12 Kinder, die immer gerne zu den Großeltern nach Warendorf kamen. Großmutter Sophie zelebrierte die gemütlichen Stunden mit den Enkeln in den Tapetensälen und erzählte ihnen all ihre schönen Geschichten. Sie führte sie ein in die Sagenwelt der Inkas und der griechischen Heldensagen und ganz viel Spaß hatten die Kinder, wenn sie „Ausrutscher“ der Drucker suchen durften, wie z.B. das verrutschte Treppengeländer, was ja heute noch zu sehen ist.


Familie Kohstall mit Opa und Oma Lohmann

 

Spuren des Ofenrohrlochs von 1945

Während des 2. Weltkrieges wurde es wieder voll im Haus. Viele Flüchtlinge und Evakuierte mussten untergebracht werden. Auch die beiden Tapetensälen wurden von Flüchtlingsfamilien bewohnt. Nur leider gab es hier keine Heizung und es hat Tante Sophie fast das Herz gebrochen, als ihr Mann Bernhard Löcher in die Wände mit den Bildtapeten schlug, um Ofenrohre für die Herde und Öfen ins Freie zu führen. „Erst kommen die Menschen, dann die Kunst“, sagte Onkel Bernhard. Diese Löcher wurden bei der letzten Renovierung 2011 übergemalt, man kann sie nur noch ahnen.

Bernhard und Sophie Lohmann wohnten bis zu ihrem Tode 1950 und 1952 in dem schönen Haus an der Klosterstraße. Sophie erzählte ihren zahlreichen Besuchern immer vergnügt, dass sie in diesem Haus mit zwei Männern Silberhochzeit gefeiert hat und mit beiden sehr glücklich gewesen ist.

Heute sind die beiden Tapetensäle ein Teil des Dezentralen Stadtmuseums der Stadt Warendorf.   

Struwenessen am Karfreitag beim Heimatverein Warendorf:
Das traditionelle Karfreitagsgericht der Warendorfer köstlich zubereitet von Marie-Luise Mönnigmann und ihrem Team, dazu wurde Muckefuck ausgeschenkt
von Matthias M. Rinschen

Am Karfreitag, dem 3. 4. 2026, war es wieder soweit: Schon vor 12.00 Uhr mittags bildete sich eine lange Schlange hungriger Warendorf vor dem Gadem am Zuckertimpen. Der Grund: Wieder einmal gab es dort die traditionellen Karfreitagsstruwen, frisch gebacken von Marie-Luise Mönnigmann und ihrem Team. Struwen, das ist ein Hefeteig mit Rosinen gebraten in Öl. Das genaue Rezept wollte Marie-Luise Mönnigmann nicht verraten, aber eines ist sicher: Diese Struwen aus dem Gadem sind einfach umwerfend lecker. Und dass sich das mittlerweile in Warendorf herumgesprochen hat, davon zeugte der große Andrang vor dem kleinen Gadem: Die Menschen standen bis auf die Straße. Innen, in dem Haus der armen Leute, kamen die Besucher auf ihre Kosten, konnten in den gemütlichen Stuben einen Platz finden oder sich auch ein bisschen in die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts zurückversetzen. All das wurde abgerundet durch eine Tasse Muckefuck, den das Team des Heimatvereins Warendorf auch zubereitet hatte. Muckefuck, das Kaffeeersatzgetränk, hergestellt aus geröstetem Roggen oder auch Zichorien. Denn echten "Bohnenkaffee" konnten sich die armen Leute damals nicht leisten.
Es war wieder einmal eine rundum gelungene Aktion des Heimatvereins, die  der Initiative des Teams um Marie-Luise Mönnigmann zu verdanken ist.


Jahreshauptversammlung des Heimatvereins Warendorf am 26. 3. 2026
Mechtild Wolff wird zur Ehrenvorsitzenden des Heimatvereins ernannt
Catharina Osthues wird zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt
von Matthias M. Rinschen

Neben den üblichen Regularien einer Jahreshauptversammlung standen zwei Tagesordnungspunkte im Vordergrund: Mechtild Wolff wurde nach 15 jähriger Tätigkeit als Vorsitzende des Heimatvereins zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Die Vorsitzende Beatrix Fahlbusch dankte ihr für diese Zeit, in der sie durch ihre zahlreichen Aktivitäten den Heimatverein Warendorf entscheident geprägt hat. Dazu gehören zahlreiche Beiträge auf der Homepage zur Stadtgeschichte und Kulturgeschichte Warendorfs, Stadtführungen - beliebt und engagiert, Friedhofsführungen, die große Ausstellung "Kette und Schuss", Kinderführungen im Gadem, Erzählwerkstätten zur Textilstadt Warendorfs und vieles mehr. Mechild Wolff hat sich um den Heimatverein verdient gemacht.

Und eine andere erfreuliche Neuigkeit überraschte die anwesenden Mitglieder: Nach langer Vakanz konnte die Stelle der zweiten Vorsitzenden endlich durch Catharina Osthues wieder besetzt werden. Die 30jährige Kunsthistorikerin arbeitet zur Zeit in Lünen bei der Denkmalpflege und verfügt so entsprechende Vorkenntnisse, die für den Heimatverein ausgesprochen wertvoll sein werden.

Schließlich teilte Franz Schulze Nahrup mit, dass er den  "Plattdütsken Krink", nicht mehr fortführen könne. Er hatte ihn viele Jahre mehrmals jährlich durchgeführt. Hier wurde die pattdeutsche Sprache gepflegt, mit Liedern, Geschichten und Gedichten. Er bedauerte in seiner kurzen Ansprache, dass dieser Teil der westfälischen Kultur immer mher zurück gedrängt werde. Die Vorsitzende Beatrix Fahlbusch unterstrich seine Bemühungen und dankte ihm herzlich unter dem langen Applaus der Anwesenden Vereinsmitglieder.

 

 

Die Affhüppen-Kapelle – eine architektonische Schönheit der Neugotik in Vohren
von Mechtild Wolff (2026)

Versteckt hinter hohen Bäumen ragt der elegant schlanke, neugotische Turm mit reichen Verzierungen aus der platten westfälischen Landschaft heraus. So mancher Autofahrer auf der Ostumgehung, der L 475, fragt sich, wie solch eine außergewöhnliche kleine Kirche hier in die doch recht bodenständige Bauerschaft Vohren kommt! Der Zugang zur Affhüppen-Kapelle ist schwer zu finden, man muss von der Beckumer Straße aus erst einmal den Tunnel entdeckt haben, der die L 475 „unterführt“.

Wie kam es zum Bau dieses charmanten Gotteshauses?

Alte Urkunden berichten, dass es hier schon seit dem 14. Jahrhundert eine Mönchsklause gab, die dem Stift Freckenhorst abgabenpflichtig war. 1695 wird auch eine Kapelle auf dem nahegelegenen Gut Affhüppe, heute Gut Gerbaulet, erwähnt. In diese Kapelle kamen auch die Vohrener Bauern zum Sonntagsgottesdienst, denn der Weg zu ihrer Pfarrkirche St. Laurentius in Warendorf war weit und beschwerlich. Bald platzte die Gutshof-Kapelle aus allen Nähten, sodass Maria Katharina Affhüppe, die Witwe des Johann Heinrich Affhüppe, eine Stiftung begründete, um eine größere Kirche zu bauen. Sie engagierte den Diözesanbaumeister Emil von Manger (1824-1902), der 1854-56 die jetzige Affhüppen-Kapelle im neugotischen Stil aus handgeformten, roten Backsteinen und mit viel Sandstein-Zierrat erbaut. Es war für Emil von Manger eine seiner ersten Kirchbauten. Heute gilt er als der bedeutendste münsterländische Baumeister des Neo-Klassizismus. Dieses Frühwerk mit kreuzförmigem Saalbau ist ein absolutes Unikat. Der Baumeister trieb großen Aufwand mit zahlreichen Gliederungsdetails im Außenbau – die finanziellen Grenzen der Witwe Affhüppe waren offensichtlich weit gesteckt. So entstand ein kleine Kirche mit einem achteckigen Turm, geschmückt mit reichem Zierwerk und acht Wasserspeiern. Eine solche architektonische Schönheit mit so viel Liebe zum Detail findet man bei Kapellen selten. Im Rahmen der in Westfalen weit verbreiteten Neu-Gotik spielte die Affhüppen-Kapelle, die dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht wurde, eine durchaus herausragende Rolle. Gern wurde die Kapelle von der Vohrener Bevölkerung für die Sonntagsmesse, für Hochzeiten und Kirchenfeste genutzt. Der Höhepunkte des Jahres war die „Hagelprozession“. Die Muttergottes von Warendorf wurde dann von der Laurentiuskirche aus durch die Felder und Wiesen des Ostbezirks und Vohrens bis zur Affhüppen-Kapelle getragen. Viele Bürger der Stadt Warendorf und Bauern und Kötter aus der Bauerschaft Vohren erflehten bei der Prozession durch fromme Lieder und innige Gebete den Schutz der Gottesmutter vor Unwetter, Hagelschlag und Dürre, denn die Zerstörung der Ernte durch Unwetter bedeutete Hungersnot für die hier lebenden Menschen. In und vor der festlich geschmückten Affhüppen-Kapelle fand ein feierlicher Bittgottesdienst statt. Diese „Hagelprozession“ hatte schon eine lange Tradition und es wird berichtet, dass sich 1695 am Schluss der Bittprozession das erste Wunder der Gottesmutter aus der Laurentiuskirche  ereignete – die blinde Ursula wurde wieder sehend. Seither verehrten die Gläubigen diese Madonna als die „Wundertätige Muttergottes von Warendorf“.

In einer Bulle gewährte Papst Gregor XVI. allen Gläubigen einen vollkommenen Ablass, wenn sie am 24. Juni, dem Festtag des Hl. Johannes des Täufers, die Johannes-Kapelle in Vohren besuchten. Diesen Ablass zur Tilgung der Sündenstrafen konnten die Gläubigen an diesem Tag bei jedem Kirchenbesuch erwerben, wenn sie ein „Vater unser“, ein „Gegrüßet seist Du Maria“ und ein „Ehre sei dem Vater“ beteten. Wenn sie die Sünden vorher gebeichtet hatten, wurden ihnen die zeitlichen Sündenstrafen erlassen. Auch für Verstorbene konnte ein Ablass „erbetet“ werden. Darum gingen viele Gläubige mehrmals am Tag in die Kapelle, um den Ablass auch für Verstorbene zu erwerben. Es reichte schon, die Kirche kurz zu verlassen und wieder hereinzugehen – das nannte man dann „portiunceln“, in Erinnerung an den Portiuncula-Ablass des Hl. Franziskus.

Diese schönen Ereignisse in der Kapelle konnte die Stifterin Maria Katharina Affhüppe leider nicht mehr miterleben. Sie starb schon 1857, nur ein Jahr nach Vollendung der St. Johannes Kapelle. Ihr Schwiegersohn, der Mühlenherr Anton Scheffer-Boighorst aus Warendorf übertrug 1859 die Affhüppen-Kapelle mitsamt der Stiftung dem Bistum Münster. Die Familie aber blieb bedeutend für die Entwicklung der Stadt Warendorf. Franziska Scheffer-Boighorst heiratete 1893 Max Gerbaulet (1864-1949), der von 1899 bis 1929 ein hochgeschätzter Landrat des Kreises Warendorf wurde und viel für die gute Entwicklung Warendorfs bewirkte. Noch heute bewohnt die Familie Gerbaulet den Gutshof an der Affhüppen-Kapelle.


Haus Gerbaulet

Bis Ende der 1950er Jahre stand die Affhüppen-Kapelle der Vohrener Bevölkerung als Gotteshaus zur Verfügung und wurde für Gottesdienste rege genutzt. Jeden Sonntag kam ein Geistlicher der Laurentius-Pfarre oder ein Pater aus dem Franziskanerkloster und las die Sonntagsmesse. Während des 2. Weltkriegs wurde die Kapelle allerdings zweckentfremdet und als Möbellager für ausgebombte Familien aus Münster genutzt. Aber schon zu Pfingsten 1945 konnte so viel Platz freigeräumt werden, dass eine Hl. Messe gefeiert werden konnte, zur großen Freude der Vohrener Bauern und vieler Flüchtlinge, die in Vohren eine vorläufige Bleibe gefunden hatten. In den 1950er Jahren fanden neben der Sonntagsmesse auch regelmäßige Schulgottesdienste der Vohrener Landschule statt. Mit der Zeit war allerdings der Sanierungsbedarf nicht mehr zu übersehen. Vögel nisteten im alten Gebälk und fühlten sich in der Kapelle sehr wohl, sodass der Bischöfliche Stuhl in den 1960er Jahren über einen Abriss der Affhüppen-Kapelle nachdachte. Damit waren aber weder die Vohrener Bürger noch der Warendorfer Heimatverein einverstanden und der Bischof entschloss sich, die Kapelle als Lapidarium zur Aufbewahrung sakraler Einrichtungsgegenstände und Kunstwerke zu nutzen. Der  Innenraum war nun leider nicht mehr zugängig.

Der Bischöfliche Stuhl, der etwa 100 Jahre lang Eigentümer der Affhüppen-Kapelle war, übertrug die Kapelle am 10. Januar 1967 schenkungsweise an die Kirchengemeinde St. Laurentius in Warendorf.

 

Besichtigung der Affhüppenkapelle unter sachkundiger Führung von Klaus Ring (+), links oben

Lange schon wurde der Wunsch nach einer Besichtigung des Innenraums der Kapelle an den Heimatverein herangetragen. Im April 2011 erlaubte die Kirchengemeinde einen Besuch in der Affhüppen-Kapelle, die 1990 unter Denkmalschutz gestellt worden war. Der Kunsthistoriker und engagierte Heimatfreund Klaus Ring öffnete den zahlreichen Interessierten die Augen für die detailreichen Schönheiten dieses Kleinods der Neo-Gotik. Trotz des Alters von über 150 Jahren ist die Kirche noch in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten und der Reichtum an baulichem Detail zeugt noch heute von der handwerklichen Sorgfalt in der Bauausführung. Allerdings drohte der Kapelle Gefahr durch Einbruchsversuche und Vandalismus. Darum wurden die Fenster schon verdrahtet und zum Schutz teilweise zugemauert.

 

  
Bilder aus dem Inneren der Affhüppenkapelle, Nutzung als Lapidarium

Eine ganz neue Welt erwartete die Heimatfreunde im Inneren der Affhüppen-Kapelle. „Das ist ja wie in Tut-ench-Amuns Grabkammer!“ Ja, in dem kreuzförmigen Kirchenraum befand sich das bischöfliche Lapidarium, wo neben liebenswerten neugotischen Sandstein-Heiligen, barocken Kanzeln auch allerlei Baumaterial gelagert wurde. Der hallenartige Innenraum mit den vielen kunstvollen Details beeindruckt aber die Besucher durch seine harmonischen Proportionen und die aufstrebenden Gewölbejoche mit ihren eleganten Rippen und kunstvollen Kapitellen. Eine Sanierung wäre zweifelsohne wünschenswert, das war die einhellige Meinung der Besucher.

Aber leider ist das mit hohen Kosten verbunden, die weder der bischöfliche Stuhl in Münster noch die Gemeinde St. Laurentius aufbringen konnten. Trotz vieler Überlegungen fand sich keine Lösung, darum verkaufte das Bistum 2024 die Kapelle an einen Privatmann.


Anfang 2026 erfolgte ein erneuter Besitzerwechsel und die Kapelle ging in das Eigentum der Familie Austermann aus Ennigerloh über. Die Kirche soll nun für private Zwecke genutzt werden, wobei vertraglich festgelegt wurde, dass die Nutzung nicht der Würde des Kirchengebäudes widersprechen darf.

Man kann gespannt sein, wie die Geschichte der Affhüppen-Kapelle weitergeht!

 

Quellen: Wilhelm Zuhorn: Kirchengeschichte der Stadt Warendorf, Presseberichte, Protokolle, Homepage des Heimatvereins Warendorf

Bilder: Klaus Ring, Matthias Rinschen, Mechtild Wolff und der LWL Münster

Text: Mechtild Wolff

 

 

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Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Carl Leopold und die Schnellsche Verlagsbuchhandlung 1909 - 1986


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