Vorschau: Warendorfer Schriften Bd. 55/56

Die Warendorfer Schriften Bd. 55/56 erscheinen im Dezember 2026.
Sie widmen sich in Gänze dem Nordrhein-Westfälischen Landgestüt und stellen den Beitrag des Heimatvereins zum 200jährigen Jubiläum dar.

Inhalt:
Wilhelm Veltman ( † 2006):
Ein Krimi aus vergilbten Akten. Die schwere Geburt des Landgestüts in Warendorf (2002)    

Friedrich Bernward Fahlbusch:
Über die Leiter des Landgestüts Warendorf im 19. Jahrhundert – Biographische Anmerkungen ( 19 Abb., tlw. farbig)

Thomas Hartwig:
200 Jahre Landgestüt Warendorf ⎼ Einst und heute unverzichtbar (23 Abb.)

ca. 160 Seiten, ca. 25,--€

Vereinsmitglieder erhalten den Band kostenfrei. Um die Auflage kalkulieren zu können, werden andere Interessenten gebeten, Vorbestellungen beim Heimatverein per mail (bitte Adresse einsetzen) vorzunehmen.

Der Anfang des nordrhein-westfälischen Landgestüts in Warendorf
von Dr. F. Bernward Fahlbusch (24. 7. 2026)

Am Freitag, den 17.2.1826 gegen 15.00, trafen in Warendorf die ersten 24 Hengste für das neu errichtete Hengstdepot (Landgestüt) ein. Sie waren zuvor in Neustadt/Dosse zusammenzogen worden: 14 aus dem Lithauischen Hauptgestüt, 2 aus Neustadt, 2 aus Graditz und 6 aus Privatgestüten, zudem 2 Zugpferde. Per Wagen wurden v.a. die Schmiedeutensilien transportiert. Wegen strenger Kälte war der Abmarsch in Neustadt um einige Tage auf den 1.2. verschoben worden. Üblicherweise war jeder 4. Tag ein Ruhetag, so dass im Schnitt pro Tag 30 km bewältigt wurden. Da der Winter 1825/26 in Westfalen ungewöhnlich warm (und regenreich) war, darf man von einem Transport ohne Zwischenfälle ausgehen.

Seit 1816 hatten sich die Oberpräsidenten der neuen preußischen Provinzen (Westfalen und Rheinprovinz), besonders der Münsterer Oberpräsident Frhr. Vincke, bemüht, ein Landgestüt zur Verbesserung der hiesigen Pferdezucht zu erhalten. 1824 genehmigte die Regierung in Berlin endlich eine solche Einrichtung. Als Standort war lange Zeit Schloss Benrath bei Düsseldorf vorgesehen, aber als im Frühjahr 1825 der Warendorfer Kavalleriestall durch Verlegung der Kürassiereskadron in die neu gebaute Kaserne in Neuhaus (bei Paderborn) frei geworden war, geriet ab August 1825 Warendorf als sofort nutzbarer Standort in die Überlegungen und bekam letztlich (gegen Liesborn) den Zuschlag.

Geführt wurde der Zug vom Neustädter Gestütsinspektor Heinrich Köhne. Begleitet wurde er von seinem Sattelmeister August Ferdinand Huth und 9 aus Neustadt sowie 3 aus Graditz abgeordneten Gestütsknechten. Sie trafen rechtzeitig ein, um die erste Decksaison in Westfalen und Rheinland zu bestreiten. Voller Begeisterung meldete noch am 17.2. der Warendorfer Landrat, dem die Dienstaufsicht vor Ort übertragen war, das Eintreffen dem Oberpräsidenten Vincke in Münster und betonte besonders den Gesundheitszustand und die Qualität der Hengste. Vincke selber traf bereits am folgenden Sonntag in Warendorf ein, Köhne zu begrüßen und das Ergebnis der jahrelangen Bemühungen in Augenschein zu nehmen.

F. Bernward Fahlbusch

Schrifttum: F. Bernward Fahlbusch, Die Warendorfer Gestütsleiter im 19. Jh. – Biographische Anmerkungen, in: Warendorfer Schriften 55/56, 2026 (im Druck).

Bild: M. Rinschen (2011)

Zum 100. Geburtstag von Hans Günter Winkler

Hans Günter Winkler
erfolgreichster Springreiter und Ehrenbürger der Stadt Warendorf
geboren: 24. Juli 1926 in Barmen
gestorben: 9. Juli 2018 in Warendorf
von Mechtild Wolff (2026)

HGWaWelch ein Fest im Juni 1955! Hans Günter Winkler wurde zum 2. Mal Weltmeister. Nach dem „Wunder von Bern“ im Vorjahr, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, gab nun auch Winkler der durch den verlorenen Weltkrieg demoralisierten Nation ihren Stolz zurück. Deutschland war wieder eine beachtete Nation in der Sportwelt. Das musste auch in seiner Heimatstadt gefeiert werden. Die Warendorfer waren zu Tausenden auf den Beinen, um den erfolgreichen Springreiter bei seiner Heimkehr an den Toren der Stadt in Empfang zu nehmen. Hier warteten auf den Weltmeister schon geduldig Bürgermeister Josef Heinermann mit den Honoratioren der Stadt und dem Oberkreisdirektor Dr. Schnettler in der mit Blumengirlanden verzierten Kutsche. Im Triumphzug geleiteten sie den Weltmeister Hans Günter Winkler in die Stadt, die mit Fahnen und Wimpeln ihr Festkleid angelegt hatte.

22 1955 Weltmeister HG Winckler Stadtrundfahrt

Die Bevölkerung stand am Straßenrand Spalier und jubelte begeistert dem jungen Sportler zu. Tosenden Applaus gab es, als die Kutsche auf dem Marktplatz einfuhr, angeführt von den Reiterstandarten der örtlichen Reitervereine.

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Wer war dieser Hans Günther Winkler?

Er wurde am 24. Juli 1926 in Barmen geboren. Sein Vater war Stallmeister und Reitlehrer, dadurch erlernte Hans Günter das Reiten schon in frühester Jugend. Der 2. Weltkrieg beendete diese fruchtbringende Zusammenarbeit, sein Vater musste an die Front und fiel in den letzten Kriegstagen an der Westfront. Auch Hans Günter wurde als Flakhelfer eingezogen, geriet in amerikanische Gefangenschaft, konnte aber zu seiner Mutter nach Kronberg im Taunus fliehen. Dort fand er eine Anstellung als Stallbursche und erteilte Mitgliedern der amerikanischen Besatzungsmacht Reitunterricht, so auch dem Militärgouverneur Dwight D. Eisenhower, der 1953 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde.

Ende der 1940er Jahre nahm Winkler wieder am Turnierreitsport im Nachkriegsdeutschland teil. Hier fiel er Dr. Gustav Rau auf, der ihn nach Warendorf einlud. HGW, wie er in Reiterkreisen später genannt wurde, sah darin die Chance seines Lebens. Er verlud seine drei Pferden in einen Eisenbahnwaggon und fuhr mit der Bahn nach Warendorf, setzte sich am Bahnhof auf das mittlere Pferd und ritt zum Olympiade-Komitee. Dort traf er den Oberlandstallmeister Dr. Gustav Rau auf dem Reitplatz an, der sich aber leider nicht mehr an die Begegnung mit Winkler erinnerte und ihn empfing mit „Wat wills du denn hier?“ Welch ein niederschmetternder Empfang. Gott Dank entschied Rau, dass der junge Reiter drei Monate bleiben durfte, um zu zeigen, was er konnte. Wie wir alle wissen, wurde aus diesen drei Monaten lebenslang.

Winkler konnte allerdings nicht von der Reiterei leben, darum arbeitete er in einer Bauschreinerei. Eine Anstellung als Bankkaufmann - das hatte er gelernt - war nicht zu bekommen. Als Reitlehrer durfte er nicht arbeiten, damit hatte er schon schlechte Erfahrung gemacht, denn 1952 wurde er für die Olympischen Spiele gesperrt, weil er in den 1940er Jahren in Kronberg als Reitlehrer gearbeitet hatte und somit als Berufsreiter galt. Erst nach der Olympiade erreichte der DSB Präsident Willi Daume, dass Winkler in den Amateurstatus zurückversetzt wurde. 

1956 Winkler und Halla GlockeIn Warendorf stellte sich bald heraus, dass Winkler ein Spezialist für schwierige Pferde war. Als 1952 ein neues Pferd für die Olympischen Spiele gesucht wurde, entdeckte das DOKR „Halla“, ein Pferd mit hohem Potential und vertraute es Hans Günther Winkler an. „Halla“, ein ungewöhnliches Pferd, sehr flexibel, aber nicht mit einem Plan zu erfassen, „ein Pferd zwischen Genie und Wahnsinn“, so charakterisiert Winkler „Halla“ gern selbst.

Viele Reiter waren schon an „Hallas“ Charakter gescheitert, „Halla“ galt als unreitbar und Turnier untauglich. Erst HGW hatte das richtige Gefühl für die schwierige Stute und es gelang ihm, sich mit ihr zusammen zu raufen. Er selbst sagte einmal: „Halla“ hat einfach eine Schraube locker, genauso wie ich!“ Seinen ersten sportlichen Höhepunkt erlebte er mit „Halla“ bei den Weltmeisterschaften 1954 in Madrid. Als erster Deutscher überhaupt wurde er mit seiner Wunderstute Weltmeister im Springreiten. Auch 1955 in Aachen wurde Winkler Weltmeister und wurde jetzt zum 2. Mal zum Sportler des Jahres gewählt und 1960 zum Sportler des Jahrzehnts.

 

1955 Weltmeister HG Winckler Empfang 3 1955 Weltmeister HG Winckler im Rathaus 1

 

 

 

 

 

 

 

 

Die nächste Chance kam 1956 bei den Olympischen Spielen in Stockholm. Hans Günter Winkler wurde für die Springreiter nominiert und die Deutsche Mannschaft siegte im ersten Durchgang des Mannschaftswettbewerbs. Auch Winkler lieferte einen Null-Fehler-Ritt, zog sich aber am dreizehnten Hindernis einen Muskelriss zu. Welch eine Katastrophe für die aussichtsreiche Deutsche Equipe, die in den 2. Umlauf gehen musste und keinen Ersatzreiter hatte. Um die deutsche Mannschaft mit Alfons Lütke Westhues auf „Ala“, Fitz Tiedemann auf „Meteor“ und Hans Günter Winkler auf „Halla“ nicht aus der Wertung fallen zu lassen, startete Winkler trotz großer Schmerzen zu dem entscheidenden Ritt im Stechen. Jetzt zeigte sich die tiefe Verbundenheit des Reiters mit seinem Pferd „Halla“. Sie erspürte die Situation und trug ihren Reiter als einziges Pferd fehlerfrei ins Ziel, ohne Hilfen vom Reiter zu bekommen. Der hatte genug damit zu tun, sich unter Schmerzen im Sattel zu halten. Noch heute schmunzelt man über die damalige Berichterstattung des legendären Hans Heinrich Isenbart, der während des atemberaubenden Rittes sagte: „Und „Halla“ lacht, als wüsste sie worum es geht.“ So konnte Winkler eine Goldmedaille für die Deutsche Mannschaft 1956 Heimkehr aus Stockholm Marktplatz Bild Rotgarnmit nach Hause bringen und eine Goldmedaille in der Einzelwertung. Doppelgold für Deutschland, welch ein Erfolg für eine geschlagene Nation! Es ist nicht zuletzt Winkler zu verdanken, dass Deutschland wieder in die Internationale Sportgemeinschaft aufgenommen wurde.

Es war für seine Heimatstadt Warendorf eine Ehre, Hans Günter Winkler wieder einen triumphalen Empfang zu bereiten und ihn zum Ehrenbürger der Stadt Warendorf zu ernennen. Als prominentester Bürger Warendorfs und Aushängeschild für die gesamte deutsche Reiterei hat er die Stadt Warendorf nicht nur weltbekannt, sondern auch zur Hochburg des Pferdesportes gemacht.

1995 Hans Günther Winkler 21990 Winkler, Lütke Westhues, Thiedemann

  

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1957 bescherte Hans Günter Winkler den Warendorfern wieder einen Festtag: Er heiratete seine Reiterkollegin Inge Fellgiebel. Ich habe noch heute das Bild vor mir, wie das schmucke Paar in einer offenen Kutsche, die von vier Schimmeln gezogen wurde, zur Christuskirche fuhr. Überall standen Reporter und die Wochenschau filmte die prachtvolle Hochzeit. Nach der Trauung fuhr das junge Paar durch die mit jubelnden Menschen gesäumten Straßen zum Marktplatz, um im Rathaus  vom Bürgermeister und den Honoratioren der Stadt empfangen zu werden - so etwas hatte Warendorf noch nicht gesehen, ja, es war fast so schön wie bei den Royales!

HGW und seine debbyDie Ehe hielt allerdings nur drei Jahre. 1962 heiratete Winkler die Dänin Marianne Gräfin Moltke. Aus dieser Ehe  entstammt der Sohn Jörn (geb. 1965) und die Tochter Jytte (geb. 1967). 1970 wurde auch diese Ehe geschieden und Winkler heiratete die venezolanische Millionärstochter Astrid Nunez, mit der er bis 1986 verheiratet war. Dann traf er die Liebe seines Lebens und heiratete 1994 in vierter Ehe die US-Amerikanerin Debby Malloy. Mit ihr wollte er seinen Lebensabend verbringen, aber das Schicksal hatte einen anderen Plan. Debby wurde 2011 bei einem Reitunfall in der Reithalle auf dem Birkenhof so schwer verletzt, dass sie im Alter von nur 51 Jahren verstarb. Ein schwerer Schlag für Hans Günter Winkler.

Nun lebte der 85Jährige allein in seinem Anwesen „Birkenhof“, umgeben von all seinen Pokalen, mit fünf Gold- und eine Silbermedaillen, die ihn zu einem der erfolgreichsten Olympioniken machten und ihm 2002 die Auszeichnung als weltbesten Springreiter bei Olympischen Spielen einbrachten.

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Zu seinem 90. Geburtstag am 24. Juli 2016 wurde er beim CHIO in der Aachener Soers mit der „Hans Günter Winkler Gala“ gefeiert. Es ritten 125 braune Stuten ein, die an die 125 Siege erinnern sollten, die HGW mit der Wunderstute „Halla“ errungen hatte. In einer Kutsche wurde Hans Günter Winkler unter tosendem Applaus zu einer Ehrenrunde über den Platz gefahren. Welch ein eindrucksvolles Bild auf einem der bedeutendsten Turnierplätzen der Welt, seinem Wohnzimmer, wie Winkler gerne sagte.

Die Stadt Warendorf feierte den 90. Geburtstag ihres Ehrenbürgers mit einem Kutschen-Festumzug durch die Stadt, angeführt von dem „Berittenen Fanfarenzug“ aus Freckenhorst und den Hellebardieren des Bürgerschützenvereins. Der große Zuspruch aus der Bevölkerung zeigte, wie sehr die Warendorfer „ihre Reitlegende HGW“ schätzten.

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Durch den Reitsport wurde er zu einer internationalen Berühmtheit. Weltweit vernetzt und erfolgreich blieb er aber solide verwurzelt auf seinem Anwesen „Birkenhof“ in Warendorf, seiner Heimat seit 1950. 

 

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Am 9. Juli 2018 verstarb Hans Günther Winkler im Alter von 91 Jahren. An seinem 92. Geburtstag fand eine beeindruckende Trauerfeier statt, zu der sich Winklers Kinder Jytte und Jörn, viele Freunde und die gesamte Reiterprominenz, Vertreter der Stadt Warendorf und Hunderte Bürger in der Bundeswehrsportschule versammelten. Es war sein Wunsch gewesen, „wenn es denn einmal soweit ist“ in einer historischen Beerdigungskutsche aus dem Jahr 1933 vom benachbarten „Birkenhof“ abgeholt zu werden.

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Mit Hans Günter Winkler ist der erfolgreichste Springreiter der Geschichte gestorben. Sein Olympiasieg 1956 mit der Wunderstute „Halla“ hat ihn weltberühmt gemacht. Das ist heute eine Heldengeschichte mit Legendenstatus, die immer wieder gern erzählt wird. HGW blieb bis zum Schluss ein großer Botschafter für den Reitsport. Er beriet die Älteren und förderte die Jugend. Er war nicht immer bequem, aber immer zielstrebig, konsequent und gerecht. Als Reitlehrer hat HGW viele Schüler zu herausragenden Reitern geformt, dabei war er ein kantiger und fordernder Ausbilder, mit dem nicht jeder Schüler zurechtkam. Sein Vermögen hat er in die „Hans Günter Winkler-Stiftung“ eingebracht, die die Nachwuchsförderung für den Spitzensport mit „Horsemanship“ zum Ziel hat.

Hans Günter Winkler hat sich um Warendorf verdient gemacht. Durch ihn erlangte Warendorf als „Stadt des Pferdes“ nationale und internationale Bekanntheit. Ich erinnere mich noch gut an die 1950er Jahre. Wenn wir damals nach unserem Heimatort gefragt wurden, sagten wir ganz bescheiden: „Aus einem kleinen Städtchen bei Münster.“ Das kleine Landstädtchen Warendorf hätte niemand gekannt. Durch Hans Günter Winklers Weltruhm änderte sich das schlagartig und wenn wir Warendorf als unsere Heimatstadt nannten, wussten sehr viele sofort „Oh, daher kommen doch auch Hans Günter Winkler und „Halla.“ Aus dem kleinen Landstädtchen war die international bekannte Pferdestadt Warendorf geworden, das Mekka aller Reiter. Es kamen nun Gäste aus Amerika, Brasilien, Australien und dem Orient nach Warendorf. Das haben wir nicht zuletzt dem erfolgreichen Springreiter Hans Günter Winkler zu verdanken. Der Initiator allerdings war Dr. Gustav Rau. Er brachte das DOKR nach Warendorf und Winkler sorgte für den Glanz.

 

Am 24. Juli 2026 wäre Hans Günter Winkler 100 Jahre alt geworden – ein Tag, an dem wir uns an ihn und seine Verdienste für Warendorf erinnern sollten.

 

Mechtild Wolff

 

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Quellen:

Presseberichte der Westfälischen Nachrichten, der Glocke und der FAZ

Berichte im Internet

 

Bilder: Archiv Kurt Heinermann, Archiv Wolff

Zum 100. Geburtstag von Dr. Günther Drescher:
Bürgermeister Dr. Günther Drescher  (*5.6.1926 ; +6.2.2010)
Ehrenbürger der Stadt Warendorf
von Mechtild Wolff (1. 6. 2026)

Bürgermeister und Stadtdirektoren in Warendorf von 1980-1994
sein Vorgänger:  Dr. Hans Kluck 1964-1980
sein Nachfolger: Manfred Kampelmann 1994-1999
Stadtdirektor:   Hellmuth Schmeichel 1967-1991
Stadtdirektor:   Theo Dickgreber 1991-1999

Dr. Günther Drescher wurde 1980 zum Warendorfer Bürgermeister gewählt, in einer wahrlich turbulenten Umbruchszeit. Mit schwierigen Zeiten war Günther Drescher seit frühester Jugend vertraut. Geboren wurde er 1926 in Karwin in der damaligen Tschechoslowakei. Während der Sudetenkrise 1938 wurde seine Heimat von polnischen Truppen besetzt und nach Beginn des Polenfeldzuges 1939 dem Reichsgau Oberschlesien zugeordnet. Seine Gymnasialzeit verbrachte Günther Drescher in Neuzelle in der Mark Brandenburg. Schon 1943 wurde er als Luftwaffenhelfer eingesetzt, konnte aber 1944 das damals übliche Notabitur ablegen. An seinem 18. Geburtstag kam er zum Fronteinsatz. Nach seiner Verwundung geriet er in russische Gefangenschaft auf der Krim und in der Ukraine. Erst 1949 wurde er zu seiner Familie, die nach Bayern geflüchtet war, entlassen. Endlich konnte er sein Studium in Deutsch, Geschichte und Geographie in München beginnen, welches er 1956 mit einer Promotion abschloss. Durch seine Heirat mit Ruth Spital aus Warendorf kam er nach Westfalen, bekam zuerst eine Anstellung als Lehrer an der Loburg in Ostbevern, dann am Gymnasium in Ahlen und am Warendorfer Gymnasium Laurentianum.

1971 wurde er zum Direktor der Marienschule in Warendorf gewählt. In den schwierigen Jahren der Schulreform bewährte er sich dort als ein umsichtiger Schulleiter und als verständnisvoller Partner für Schüler und Eltern.

Er wollte aber mehr tun für seine neue Heimatstadt. Schon 1966 hatte er sich als CDU-Kandidat für den Stadtrat zur Verfügung gestellt und wurde mit großer Mehrheit gewählt. Bürgermeister Dr. Kluck erkannte schnell, dass Dr. Drescher eine besondere Gabe besaß, sich auf die verschiedenen Denkweisen der oft sehr konträren Parteien einzustellen und 1969 wählte ihn die CDU zum Fraktionsvorsitzenden. Elf Jahre lang führte er die Fraktion durch oft sehr turbulente Sitzungen. Sein diplomatisches Geschick erwies sich als ein Glücksfall.

Nach der plötzlichen Erkrankung seines Vorgängers Dr. Hans Kluck sah er sich 1980 in der Pflicht, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. Mit den Stadtdirektoren Hellmuth Schmeichel und später Theo Dickgreber und dem neuen CDU-Fraktionschef Manfred Kampelmann und später Karl Wilhelm Hild mussten möglichst im Einvernehmen mit der SPD und der FDP umsichtige Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden. Im Vordergrund stand die Sanierung der historischen Altstadt, bei der man der geschichtlichen Verantwortung gerecht werden, aber auch pulsierendes Geschäftsleben fördern wollte. Wo dürfen Autos fahren, wo ist eine Fußgängerzone wichtiger? Wo sollen Kunden und Besucher parken können? Soll auf dem Gelände des alten Krankenhauses ein Kaufhaus entstehen oder sind Wohnungen in der Innenstadt wichtiger? Wie kann aus dem Theater am Wall ein Kulturzentrum gemacht werden und wie soll im alten Bürgerhof ein Veranstaltungszentrum finanziert werden? Wann werden endlich die innerstädtische Entlastungsstraße und die Umgehungsstraße gebaut?

Viele verschiedene Meinungen prallten oft unversöhnlich aufeinander, so war es nicht verwunderlich, dass in der Amtszeit von Bürgermeister Dr. Drescher die politische Landschaft „bunter“ wurde. Zur Zeit der kommunalen Neuordnung  waren nur zwei Parteien im Rat der Stadt Warendorf vertreten, die CDU und die SPD. 1975 gelang der FDP wieder der Sprung über die 5% Hürde. Sie war schon in früheren Jahren sporadisch im Rat vertreten gewesen. 1984 kam erstmalig die GAL/Grünalternative Liste und 1989 die Freie Wählergemeinschaft, die FWG, in den Stadtrat.

Im Bundestag war der Kreis Warendorf durch den langjährigen Bundestagsabgeordneten und Bundesminister Dr. h.c. Heinrich Windelen gut vertreten und im Landtag von NRW hatte es der SPD-Abgeordnete Richard Winkels bis zum  Landtages-Vizepräsidenten gebracht. Auch Friedrich Vogel, CDU-Bundestags-Abgeordneter des Ennepe-Ruhr-Kreises, aber wohnhaft in Warendorf, konnte als Justizminister in NRW und Staatsminister in Bonn so manche Wege für Warendorf ebnen. Sie alle beförderten unsere Stadt nach Kräften und zeigten gern Ministern und Staatssekretären ihre schöne Heimatstadt, was für Warendorf manche Tür öffnete.

 
1991 Bundespräsident Richard v. Weizäcker mit seiner Frau wird von Oberst Klaus Kuhn, Bürgermeister Dr. Drescher, Stadtdirektor Theo Dickgreber und Graf von Landsberg-Velen empfangen

Sogar Bundespräsident Richard von Weizäcker machte 1991 mit seinen Mitarbeitern den jährlichen Betriebsausflug in die Pferdestadt und die Gäste aus Bonn bekamen ein vielseitiges Programm im Reitzentrum der FN und eine Mini-Hengstparade im Landgestüt vorgeführt.

Der hohe Wohn- und Freizeitwert der Stadt Warendorf hatte viele Neubürger angelockt, denen attraktive Neubaugebiete angeboten werden konnten. Durch den Strukturwandel mit dem Niedergang der Textil- und Landmaschinenindustrie war Geld im städtischen Haushalt allerdings Mangelware. Einige Großbetriebe, die breit gefächerte Behördenstruktur und vor allem die zahlreichen mittelständischen Unternehmen in Handel und Handwerk waren aber eine solide Basis, die Warendorf relativ unabhängig machte von extremen Konjunkturschwankungen. Die Sanierung der historischen Gebäude in der Innenstadt wurde in guter Zusammenarbeit zwischen den Eigentümern und der öffentlichen Hand vorangetrieben und die Altstadt wurde immer mehr zu einem Schmuckkästchen, das als „Stadt des Pferdes“ mit einer sehenswerten historischen Altstadt zu einem touristischen Anziehungspunkt wurde. Bewohner und Touristen schätzten das vielseitige Geschäftsangebot mit den vielen kleinen inhabergeführten Geschäften, die einen besonderen Charme verbreiteten. Der immer aktive Verkehrsverein, der später zum Stadtmarketing weiterentwickelt wurde, hatte alle Hände voll zu tun mit den Aktivitäten und Veranstaltungen in der Stadt, wie z.B. den jährlichen Traditions- und Stadtfesten oder den Militärweltmeisterschaften im „Modernen Fünfkampf“, die immer mit Gästen aus der ganzen Welt ausgetragen wurden. Natürlich wurden die Funktionäre zu einem festlichen Empfang in den historischen Ratssaal geladen und mit einem Willkommenstrunk aus den Warendorfer Silberpokalen geehrt.


1991 CISM Militätweltmeisterschaften im Modernen Fünfkampf

Mit all den  Aktivitäten hat sich auch das Hotel- und Gaststättenangebot merklich ausgeweitet und für die Touristen entstand das neuartige Angebot der Ferienwohnungen in Privathäusern. Ja, Warendorf entwickelte sich mehr und mehr zu einem Touristenmagnet. Das war ein wichtiges Standbein, denn Großindustrie in Warendorf anzusiedeln war nach wie vor schwierig. Aber die neuen Gewerbegebiete an der Splieterstraße und in der Katzheide füllten sich sehr schnell mit Gewerbebetrieben aller Art.

In der Zwischenzeit hatte der Autoverkehr gravierend zugenommen. Der Andreasring als Innerstädtische Entlastungsstraße hatte sich bewährt, nun  wurde der Bau der Stadtstraße Nord als eine wichtige Verkehrsentlastung für die Innenstadt und die Wohngebiete energisch vorangetrieben. Es sollte aber noch bis 2003 dauern, ehe der erste Bauabschnitt fertig war und noch heute warten wir auf die Vollendung der Stadtstraße Nord.

Ein wichtiges Ziel von Bürgermeister Dr. Drescher war die Verschlankung von Verwaltung und Politik. Er wünschte sich ein Umdenken, weg von der „Behördenmentalität“ hin zum „Dienstleistungsunternehmen Stadt“. Der Bürger sollte nicht Bittsteller sein, sondern Kunde. Ein langer und mühsamer Weg!

1994 Bürgermeister Dr. Dreschers begrüßt die Ehrengäste beim Neujahrsempfang

Ein naheliegendes Ziel war das Jahr 2000, in dem das 800jährige Stadtjubiläum gefeiert werden sollte. Schon jetzt wurden Pläne für ein großes Stadtfest gemacht und Prof. Dr. Leidinger wurde die Federführung für eine umfangreiche Stadtgeschichte übertragen.

Es war Bürgermeister Dr. Drescher ein wichtiges Anliegen, Warendorfer Bürger zu ehren, die sich für das Wohl der Stadt und seiner Ortsteile ehrenamtlich engagierten. Viele Gruppen und Vereine wurden beim alljährlichen Neujahrs-empfang geehrt. Außerdem zeichnete er im Laufe seiner Amtszeit 15 verdiente Bürger mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft, des Ehrenrings und des Ehrensiegels aus.

Mit der Kommunalwahl 1994 beendete Dr. Günther Drescher seine Bürgermeisterzeit und Manfred Kampelmann wurde sein Nachfolger. Nun konnte er sich mehr seiner großen Leidenschaft, dem „edlen  Waidwerk“ widmen, denn in der Natur und in der Familie und seinem großen Freundeskreis fand er Erholung und Entspannung. Gern setzte er sich mit seinen Freunden vom Rotary Club unter der Leitung von Dechant em. Walter Suwelack für die Erhaltung und Renovierung der historischen Bildstöcke und Wegekreuze im heimischen Raum ein.

1995 ehrte ihn seine Heimatstadt Warendorf für seine vielfältigen Verdienste mit der Ehrenbürgerschaft. Auch die Französische Partnerstadt Barentin hatte ihn zum Ehrenbürger ernannt. Viele seiner Wegbegleiter freuten sich mit ihm über die wohlverdienten Ehrungen.

Am 6. Februar 2010 verstarb Dr. Günther Drescher im Alter von 83 Jahren. Mit seiner Frau Ruth, seinen beiden Kindern und seinen fünf Enkelkindern trauerten die Warendorfer Bürger um ihren beliebten Bürgermeister und Ehrenbürger und begleiteten ihn in großer Zahl zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Warendorfer Friedhof.

 

Text: Mechtild Wolff

Bilder: Alfred Kaup

 

 

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Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Carl Leopold und die Schnellsche Verlagsbuchhandlung 1909 - 1986


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