Es war an einem eisig kalten Februartag im Jahr 1826, als die
Warendorfer Bürger durch einen ungewöhnlich lang andauernden Hufschlag
aufgeschreckt wurden. Das Klappern von Pferdehufen gehörte damals zwar
zum Alltag, denn Pferd und Wagen waren das einzige
Transportationsmittel, aber dieses Geräusch war anders und trieb die
Bürger neugierig aus ihren Häusern. Voller Erstaunen sahen sie einen
langen Tross mit 24 Hengsten und einigen Reitern im Sattel – edle, aber
doch recht müde wirkende Pferde, gefolgt von vier schweren
Arbeitspferden. Eiligst wurde Bürgermeister Johann Kaspar Schnösenberg
im Rathaus am Marktplatz benachrichtigt, der hocherfreut zum Münstertor
eilte, wo er im erst vor 10 Jahren erbauten Kavallerie-Stall schon Boxen
für 100 Hengste hatte einrichten lassen.

Marktplatz am Münstertor, Warendorf
Da kam der Plan des preußischen
Oberstallmeisters Carl Freiherr von Knobelsdorff gerade recht, der in
der westfälischen Provinz ein Gestüt für ausgewählte Deckhengste
einrichten wollte. Warendorf bot ideale Bedingungen, eine solide
Kleinstadt mit etwa 4000 Einwohnern, ja sogar eine Garnisonsstadt, die
mit der sandigen Umgebung ideale Reitmöglichkeiten bot und im „Großen
Stall“ am Münsterwall Platz für 100 Pferde zur Verfügung stellen konnte.
Für die Unterkunft der Gestütsknechte wurde in den umliegenden
Bürgerhäusern gesorgt. Zu einem späteren Zeitpunkt konnte ein
„Königliches Landgestüt“ nach dem Vorbild von Trakehnen und Neustadt an
der Dosse geplant werden. Mit dieser Zusage schickte die Obrigkeit den
Gestütsinspektor Heinrich Köhne mit den sorgsam ausgewählten Hengsten
und einigen Pferdeknechten auf den langen und beschwerlichen Weg von
Ostpreußen nach Westfalen. Köhne war auch persönlich hocherfreut, denn
es ging zurück in seine westfälische Heimat. Bürgermeister Schnösenbergs
Plan war geglückt!
Johann
Kasper Schnösenberg war der Sohn eines Warendorfer Bäckers, Brauers und
Gastwirts, man nannte ihn auch Wirtschafter. Seine Familie führte das
wohlrenommierte Hotel Schnösenberg mit Gaststätte und großem Festsaal an
der Münsterstraße.


Hotel Schnösenberg mit hoteleigener Kutsche
Johann
Kaspar durfte das „Laurentianische Gymnasium“ der Franziskaner in
Warendorf besuchen und wurde als guter Schüler mehrfach ausgezeichnet.
Früh lernte er, dass sich Erfolg nur durch Fleiß und Strebsamkeit
einstellt. Im Hotel Schnösenberg war es selbstverständlich, dass alle
Familienmitglieder mit anpackten. Gern erzählte Johann Kaspar, mit
welchem Vergnügen er die Gäste mit der eleganten Kutsche des Hotels
Schnösenberg kutschierte.
Nach der Schule lernte und arbeitete Johann Kaspar Schnösenberg
bei einem gestrengen Kaufmann. Das war eine gute Vorbereitung auf das
Bürgermeisteramt, das ihm 1813 im Alter von nur 27 Jahren anvertraut
wurde. Dieses Amt war ehrenamtlich, der Bürgermeister erhielt kein
Gehalt, aber eine Aufwandsentschädigung von 800 Talern für Bürokosten.
Ja, es konnten sich nur wohlhabende Kaufleute leisten, diesen
ehrenvollen Posten zu übernehmen. Es dauerte noch bis 1868, ehe mit
Bürgermeister Diederich ein ausgebildeter und gut besoldeter
Verwaltungsfachmann in das Bürgermeisteramt kam.

Münstertor mit Marienfelder Säulen, ein schöner Stadteingang
Bei Amtsantritt musste Bürgermeister Schnösenberg feststellen,
dass sich sein geliebtes Gymnasium im Niedergang befand. Darum sah er
seine vordringliche Aufgabe darin, „die Wiederherstellung des
Laurentianischen Gymnasii“ zu betreiben, von dem „der Flor der Stadt und
die Bildung der Jugend“ abhing, so schrieb er an die Münsterische
Behörde. Der Oberpräsidenten von Vincke unterstützte Schnösenbergs
Bestrebungen und der Bürgermeister konnte am 1. Mai 1820 die
Wiedererrichtung des Gymnasium Laurentianum als „Höhere Bürgerschule“ im
neuhumanistischen Geist bekannt geben. Das Gymnasium war gerettet.
Bürgermeister Schnösenberg lag die Verschönerung des
Stadtbildes sehr am Herzen. Darum nutzte er 1823 seine guten Beziehungen
zum Preußischen König Friedrich Wilhelm III. und bat ihn, der Stadt
Warendorf die alte Toranlage der Zisterzienserabtei Marienfeld zu
überlassen. Diese Toranlage hatte bis 1803 an der Zisterzienserabtei
gestanden, dann aber war dieses prachtvolle Bauwerk im Zuge der
Säkularisierung „in Ungnade“ gefallen. Die Sandsteinsäulen waren nun
Staatseigentum und wurden abgerissen, aber Gott Dank nicht zerstört,
sondern sorgsam eingelagert. Davon bekam Bürgermeister Schnösenberg
Kenntnis und dank seiner guten Beziehungen zum Preußischen König konnte
er die acht Sandsteinsäulen nach Warendorf holen. Seit über 200 Jahren
zieren nun die Torpfeiler den westlichen Stadteingang unserer Stadt. Das
Münstertor vermittelt uns Bürgern und den Besuchern den Beginn einer
historische Altstadt - ein stilvoller Stadteingang.
Schnösenberg wurde ein tüchtiger Bürgermeister und bekam in
Anerkennung seiner Verdienste 1824 eine Zulage von 100 Talern
zugesprochen, die aus dem städtischen Kommunalfonds gezahlt wurde. Damit
wurde der Warendorfer Bürgermeister der höchstbesoldete Kommunalbeamte
im Regierungsbezirk Münster.
Am 17. Februar 1826 verwirklichte sich nach vierjähriger
Vorbereitungszeit ein Plan, dessen Wichtigkeit für Warendorf man damals
noch gar nicht abschätzen konnte. Aus Ostpreußen kam nach wochenlangem
Marsch durch Eis und Schnee ein Tross mit ausgewählten Deckhengsten in
Warendorf an. Im Kavallerie-Stall am Münsterwall hatte Bürgermeister
Schnösenberg Boxen für 100 Hengste eingerichtet - das „Königliche
Landgestüt“ nach dem Vorbild des so erfolgreichen Preußischen Gestüts in
Trakehnen war begründet. Schon zwei Tage später kam der westfälische
Oberpräsident Ludwig Freiherr von Vincke in seiner Dienstkutsche nach
Warendorf, um das neue Gestüt zu begutachten. Auf dem Wilhelmsplatz
erlebte er die „Revue der wirklich schönen Hengste, welche gewiss eine
Wohltat für die Provinz sein werden.“ Die erste „Warendorfer
Hengstparade“ des „Königlich-Preußischen Rheinisch-Westfälischen
Landgestüts“ hatte mit großem Erfolg stattgefunden! König Friedrich
Wilhelm III unterstützte die langfristige Einrichtung des Gestüts im
Warendorf, um die wenig erfreuliche Lage der Pferdezucht in Westfalen zu
verbessern. Die gestrenge Aufsicht des Gestütsinspektors Köhne zeigte
gute Erfolge. Aus der Zucht mit Gestütshengsten gingen immer mehr
„Husarenpferde“ hervor, was den guten Ruf des Warendorfer Gestüts
begründete und mit denen die Züchter gutes Geld verdienen konnten. Wegen
seiner guten Zuchterfolge wurde Heinrich Köhne zum ersten
Landstallmeister berufen. Auch Bürgermeister Schnösenberg setzte sich
nach Kräften für das Gestüt ein, denn auch er wusste, dass gute Reit-
und Zugpferde dringend gebraucht wurden. Damals hätte noch niemand
gedacht, dass Warendorf dereinst zur Stadt des Pferdes werden würde und
das Landgestüt im Jahr 2026 seinen 200. Geburtstag feiern würde – mit
160 Hengsten im Stall.
Es war tragisch, dass Bürgermeister Johann Kaspar Schnösenberg
den Aufstieg des Gestüts nicht mehr miterleben konnte. Er verstarb
völlig unerwartet im August 1826 im Alter von nur 40 Jahren. Die Stadt
Warendorf verlor allzu früh ihren tüchtigen und allseits geschätzten
Bürgermeister.
Im Schulviertel erinnert die „Schnösenbergstraße“ an diesen
tüchtigen und beliebten Bürgermeister.
Mechtild Wolff