Die schöne Madonna der alten Zisterzienser-Abtei Marienfeld
von Dieter Müller

Eine glückliche Fügung geschah kurz nach dem Krieg 1870/71 in Warendorf. Der junge Bauer Bernhard Bussmann aus der Bauerschaft Holtrup, die zu Westkirchen gehörte, fuhr nach Warendorf zum Schweinemarkt, um Ferkel zu kaufen. Als sich der Markt dem Ende näherte und er immer noch keine geeigneten Ferkel gefunden hatte, erschien ein städtischer Ausrufer, ließ seine helle Schelle erklingen und machte bekannt: „Heute Mittag um 12 Uhr wird ein aus Stein gehauenes Frauenbildnis im Auftrag der Preußischen Regierung meistbietend verkauft. Sammelpunkt Klosterplatz.“ Der Ausrufer ging weiter und wiederholte in jeder Straße seine Bekanntmachung. Nur wenige Bürger nahmen davon Notiz. Aber Bauer Bussmann wollte sich das „Frauenbildnis“ ansehen. Auf dem Klosterplatz fand der Bauer aus Westkirchen nur einige alte Leute, einige Kinder und ein paar Arbeiter der nahen Fabrik vor. Die Madonna stand noch unverändert vor der Nepomukkapelle auf dem Klostervorplatz.

Pünktlich um 12 Uhr kam der Staatskommissar mit dem Ausrufer und einem Büroschreiber zum Klosterplatz. Der Staatskommissar machte nun bekannt, dass das Frauenbildnis seit 1803 Eigentum des Preußischen Staates sei. Jetzt sei der Franziskanerorden in Preußen aufgelöst und das Bildnis werde von niemand mehr geachtet, darum werde es heute zum Verkauf ausgeboten.

„Nun, liebe Leute, was wird für das schöne Kunstwerk geboten?“ fragte der Ausrufer die kleine Schar der Umstehenden. Keine Antwort. Da trat der Ausrufer zu Bauer Bussmann: „Nun junger Mann, haben Sie denn kein Interesse für diese schön Frau? Was wollen sie denn bieten?“ Laut rief Bussmann: „Fünf Mark will ich geben!“ Der Ausrufer schüttelte den Kopf und rief: „Fünf Mark sind geboten!“ Alles schwieg. Der Kommissar trat zu Bussmann und fragte. „Sind Sie Soldat gewesen?“ „Jawohl“, war die Antwort. Der Kommissar nickte dem Ausrufer zu. „Fünf Mark sind geboten - zum Ersten, zum Zweiten und..“ Er machte eine Pause: „Fünf Mark sind geboten - zum Ersten, zum Zweiten und zum …..Dritten!“

„Können Sie ihre Zahlungsfähigkeit nachweisen“, fragte der Kommissar den Bauern. Bussmann zog seinen alten, aus dem Kriegsdienst mitgebrachten Brustbeutel unter dem blauen Kittel hervor, lotste 5 Mark heraus und reichte sie dem Ausrufer. Er erhielt von dem Schreiber eine Empfangsbestätigung und die Verpflichtung, innerhalb einer kurzen Frist das Bildnis zu entfernen und den Platz fein säuberlich einzuebnen.

Nun war Bauer Bussmann also im Besitz der sehr schönen Madonna auf der Weltkugel. Nur, wie sollte er sie nach Hause transportieren? Sein einfacher Pferdewagen hätte ein paar Ferkel auf den damals sehr schlechten Sandwegen transportieren können, aber die 2,20 m große Madonna aus Baumberger Sandstein war viel zu schwer.

Jetzt kam Bussmann zu Hilfe, dass auch die Bauern aus Westkirchen ihr Getreide in der Affhüppen-Mühle in der Nähe der Herrlichkeit an der Ems mahlen ließen. Der Kornsammelwagen brachte das Korn aus Warendorf und von den umliegenden Höfen zur Mühle und das fertige Mahlgut wieder zurück. Der Gespannführer war gut bekannt mit Bauer Bussmann und er erklärte sich gegen ein geringes Trinkgeld bereit, die Marienstatue mit seinem Kornsammelwagen nach Westkirchen zu transportieren. Die Fuhrwerksleute taten das gerne, denn sie waren der Überzeugung, dass das schöne Madonnenbild aus der alten Abtei Marienfeld bei den kleinen Neubauern wohl mehr geachtet werden würde, als in der modernen, „aufgeklärten“ Stadt.

Nun war nur noch eine Klippe zu überwinden: Die Straßenbarriere in Vohren, wo Bauer Franz Heitmann die Gebühr für die Straßenverwaltung einziehen musste. Heitmann war ein echter Vohrener Bauer, der beim Anblick der Madonna ein so großes Glück empfand, dass er erst mal die im Schrank verborgene Schnapspulle herausholte. Dann suchte er nach dem Tarif für eine Madonna und siehe da: Für die Beförderung von Heiligtümern war von der königlichen Regierung noch kein Tarif ergangen. So kam die Marienfelder Madonna ohne Abgaben für die Straßenbenutzung nach Westkirchen und Bussmanns Frau staunte nicht schlecht, dass ihr Bernhard statt der Ferkel die Madonna vom Klosterplatz gekauft hatte.

Im Kreise der Nachbarn wurde beraten, wo das Kunstwerk aufgestellt werden sollte. An dem uralten Fußweg von Warendorf nach Westkirchen stellte ein Bauer einen Platz unentgeltlich zur Verfügung. Alle Nachbarn packten mit an, nur der Maurer Füchtenhans verursachte eine kleine Verzögerung: „Mittwochmorgen geht es nicht. Wir wollen Mittwochnachmittag sagen, denn Mittwochmorgen muss ich erst heiraten!“ So geschah es dann.

All die Jahre wurde die „Madonna auf der Weltkugel“, wie sie bei den Bauern genannt wurde, gut gepflegt und immer mit frischen Blumen geschmückt. Alle Fußgänger, ob einzeln oder in Gruppen, zogen ihren Hut zur Ehren der „Königin des Himmels und der Erde“.

Nach dem 2. Weltkrieg besann sich Warendorf wieder seines Charakters als Marienstadt. Einige Bürger, unter ihnen Oberstudienrat Heinrich Blum, Bürgermeister Otto Freund und einige Fransikanerpatres, traten mit dem Wunsch an Bauer Bussmann heran, die „Madonna auf der Weltkugel“ wieder in ihre ursprüngliche Heimat überführen zu wollen. Sie stießen auf vollstes Verständnis, Bussmann überließ den Warendorfern die Marienfelder Madonna und bekam eine barocke Madonnenfigur aus Oberammergau als Entschädigung.

Der Stadtgraben am Osttor wurde als Standort auserkoren und zu Pfingsten 1955 wurde die neue „Madonna am Stadtgraben“ von Pfarrer Hast feierlich geweiht. Hier hatte sie einen schönen, weithin sichtbaren Platz. Doch 1972 musste wegen des zunehmenden Autoverkehrs die Kreuzung verbreitert werden. Die Madonna wurde an einen geschützteren Standort im Stadtgraben versetzt. Der gefiel den Bürgern aber gar nicht. Die Madonna wirkte „verloren“ im Stadtgraben. 1987 endlich fand sich ein schöner Platz neben dem alten Turm der einstigen Marienkirche, die ja 1926 abgerissen worden war. Nun steht sie ganz in der Nähe des Münstertors, dessen Sandsteinsäulen mit dem prächtigen Eisengitter ja auch aus der Zisterzienserabtei Marienfeld stammen und 1803 mit der Säkularisierung an den preußischen Staat fielen. 1823 schenkte der Preußische König Friedrich Wilhelm III. die Marienfelder Sandsteinsäulen der Stadt Warendorf.

So wurde Warendorf Nutznießer der Säkularisierung.

 

Info-Box

Bei der barocken Marienskulptur handelt es sich um eine Immaculata aus dem Jahr 1717, wie aus einer verschlüsselten Inschrift ist zu schließen ist.

 

Quellen:

Neue Blätter zur Orts- und Heimatkunde im Kreis Warendorf Nr. 39 1963: „Die Madonna am Stadtgraben“ vor dem Osttor von Dr. Rohleder

Warendorfer Wegebilder und Hofkreuze, Pfarrei St. Laurentius Warendorf

 

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